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Limousine oder was?

Rolls-Royce Phantom III Sports Saloon (links) und Rolls-Royce Phantom II Limousine (rechts)
Rolls-Royce Phantom III (links) und Rolls-Royce Phantom II

Irgendwann musste es ja so weit kommen!

James, langgedienter Butler und Chauffeur des Grafen, ist in jeder Hinsicht ein Vorbild für all seine Berufskollegen. Er ist außerordentlich höflich, wortgewandt, stets zu Diensten, immer vorausschauend, absolut diskret und für seinen Vorgesetzten Vertrauensperson aller erster Ordnung. Trotzdem hält er nun fassungslos eine schriftliche Abmahnung in seinen Händen, denn er hat zum x-ten Male einen schweren Fauxpas begangen: wieder einmal hat er den falschen Wagen vor den Haupteingang gestellt!

Um zur Festspielpremiere zu gelangen, hatte ihn der Graf gebeten, die Limousine vorzufahren, was für unseren James, der übrigens ein vorzüglicher und umsichtiger Autofahrer ist, eine extrem knifflige Aufgabe bedeutete. In der gräflichen Garage stehen nämlich drei Rolls-Royce. Dass das Silver Wraith Landaulet mit dem Klappverdeck über den Fondsitzen nicht gemeint war, ist ihm klar. Aber dann sind da noch ein Silver Cloud mit langem Radstand und ein Phantom VI. Letzterer ist ein wenig größer und hat sieben Sitze. Beide aber haben eine Chauffeurtrennwand mit Bar, sind geschlossen, und somit müssten doch beide Wagen Limousinen sein. Oder etwa nicht?

 

Limousine ist nicht gleich Limousine

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die klassische Limousine folgende Merkmale aufweisen muss:

-  Chauffeurtrennwand

-   7 Sitze, wobei so viel Platz vorhanden sein muss, dass die "Notsitze" in ausgeklapptem Zustand so angeordnet sind, dass der darauf sitzende Fahrgast in Fahrtrichtung blickt.

Der Rolls-Royce Phantom VI ist noch immer die klassische Limousine schlechthin.
Rolls-Royce Phantom VI
Hinten herrscht Platz für fünf Personen mit Blickrichtung nach vorn.
Rolls-Royce Phantom VI Interieur

Bekannte Variationen einer Limousine stellen der sechstürige Mercedes 600 Pullmann mit vis-à-vis Anordnung der hinteren Sitzreihen oder auch die riesigen amerikanischen Stretch-Limousinen mit seitlichen Sitzbänken dar. Gerne werden solche Autos heutzutage als Pullmannlimousine bezeichnet, um solche Fahrzeuge von der heutigen Definition der Limousine begrifflich zu unterscheiden.

Interessant dürfte in diesem Zusammenhang sein, dass Ledersitze, da besonders strapazierfähig, leicht abwaschber aber auch im Winter kalt und im Sommer recht warm, dem Chauffeurabteil vorbehalten war. Die Herrschaften hingegen nahmen meist auf hochwertigem Stoff oder Velours Platz. Bis zuletzt war beim Phantom VI Leder für den Chauffeur und "West of England Cloth to the rear" Standard. 

Wie oben bereits dargestellt, ist die klassische Limousine ursprünglich ein reines Chauffeurfahrzeug, und somit sind die Limousinen von heute gar keine Limousinen! Korrekt müssten sie im Deutschen Innenlenker und im Englischen Saloon heißen.

In England hingegen wird noch sehr wohl unterschieden zwischen Limousine und Saloon, da es dort aus traditionellen Gründen nach wie vor Bedarf an klassischen Limousinen gibt. Als der Phantom VI noch gebaut wurde, wurde dieser offiziell als Limousine und der Silver Shadow als Saloon angeboten.

Stellvertretend für alle Innenlenker oder Saloons soll der Rolls-Royce Silver Shadow II gezeigt werden.
Rolls-Royce Silver Shadow II

Varianten und Mischformen

Hier gibt es eine größere Anzahl an Varianten, die jedoch alle eine eigene Bezeichnung haben.

Zu der Zeit, in der noch Kutschen das Straßenbild mitbestimmten, wohlhabende Herrschaften sich aber ein standesgemäßes Automobil leisten konnten, wurde bei der Ausführung von geschlossenen Karosserien sehr wohl der Standesunterschied präsentiert. So gab es unter den Limousinen zunächst meist solche, bei denen der Chauffeur nur durch ein festes Dach über dem Kopf geschützt war, ansonsten aber im Freien saß. Er fuhr den Wagen im an den Seiten offenen Abteil, weswegen diese Karosserie als Open-drive-Limousine bezeichnet wurde.

Weit über zwei Meter hoch, wie dieser Rolls-Royce Silver Ghost, so präsentierten sich die Rolls-Royce-Limousinen um das Jahr 1910. Gut zu sehen ist das seitlich offene Chauffeurabteil. Der Aufbau stammt von Thrupp & Maberly und besitzt über dem Fondabteil ein Schiebedach! - Dieser Wagen nahm übrigens im Jahr 1993 erfolgreich an der Alpine '93 teil.
Rolls-Royce Silver Ghost Open-drive-Limousine by Thrupp & Maberly

Analog dazu gab es damals die Bezeichnung der teureren und damals sehr seltenen Enclosed-drive-Limousine. Später gab es nur noch diese Variante, womit die eigentliche Limousine geboren war.

Manch einem Kunden war der Innenraum einer Limousine zu voluminös oder das Design nicht elegant genug, und er verlangte nach einem eleganteren Äußeren mit langgezogenem Heck und großem Kofferraum, wollte aber auf seine Trennwand mit Bar und die sieben Sitzplätze bei geringerer Innenraumlänge nicht verzichten. Dem war eine Touring Limousine mit verkürztem Fondabteil empfohlen, deren Notsitze seitlich aufgeklappt wurden und der darauf sitzende Passagier quer zur Fahrtrichtung saß, um für alle Insassen gute Beinfreiheit zu gewährleisten. Sports Limousine war ein weiterer Begriff für diese Karosserieform.

Diese Variante war sehr beliebt bei den Typen Phantom III und Silver Wraith, bei Letzterem besonders in der Ausführung mit normalem Radstand, da dieser für eine normale Limousine zu kurz war.

Kaum zu glauben, dass in diesem Wagen sieben Personen Platz finden. Dies ist eine Touring Limousine von H.J. Mulliner auf dem Fahrgestell eines Rolls-Royce Phantom III.
Rolls-Royce Phantom III H.J. Mulliner Touring Limousine

Die Königin der Touring Limousinen aber gab es auf dem mächtigen Fahrgestell des Rolls-Royce Phantom V mit einer Karosserie von James Young, deren Eleganz bis heute unerreicht ist. Durch leichtes Verkürzen der hinteren Fahrgastzelle schaffte sich James Young genügend Platz, um ein langgestrecktes, weit auslaufendes Heck zu schaffen, das den Wagen wesentlich kleiner aussehen lässt, als er eigentlich ist.

Der Rolls-Royce Phantom V als Touring Limousine von James Young. Diese Karosserie ist für viele Kenner die wohl schönste Rolls-Royce-Karosserie überhaupt.
Rolls-Royce Phantom V James Young Touring Limousine, Design PV23
Gut zu sehen ist die für eine Touring Limousine typische Anordnung der Klappsitze, auf denen die Passagiere, mangels Beinfreiheit, quer zur Fahrtrichtung sitzen .
Rolls-Royce Phantom V James Young Touring Limousine, Design PV23 - Interieur

Nicht jeder Kunde aber braucht sieben Sitze aber dafür eine Trennwand zum Chauffeur. So gab es die Rolls-Royce Silver Cloud und Silver Shadow mit langem Radstand wahlweise mit Abtrennung.

Wie aus den vorangegangenen Ausführungen bekannt, darf sich nur ein Siebensitzer Limousine nennen. Clouds und Shadows sind aber nur fünfsitzig und somit Saloons. Setzt man nun eine Trennwand zwischen die Sitzreihen, erhält man einen Saloon with Division.

Den Rolls-Royce Silver Cloud III mit langem Radstand gab es wahlweise mit und ohne Trennwand. Der hier abgebildete Wagen besitzt eine Solche. Somit handelt es sich hierbei um einen Saloon with Division.
Rolls-Royce Silver Cloud III long wheelbase Saloon with Division

Die Begriffe "Saloon" und "Limousine" wurden oft der besseren Umschreibung wegen durch die Zahl der Seitenfenster ergänzt, d.h. es wurde z.B. von einem four/six light Saloon (Saloon mit vier oder sechs Seitenfensten) oder einer four/six light Limousine gesprochen.

Rolls-Royce Phantom II six light Limousine
Rolls-Royce Phantom II six light Limousine
Rolls-Royce Wraith four light Saloon
Rolls-Royce Wraith four light Saloon

Hatte die Karosserie eines four light Saloon sportlichen Charakter, wurde sie gerne als Sports Saloon bezeichnet. Diese kann dann sowohl vier- als auch zweitürig sein. Zweitürige Sports Saloons fallen heute unter die Kategorie "Coupé", wobei zu beachten ist, dass ein two door Sports Saloon mindestens vier vollwertige Sitzplätze haben muss.

Karosserietypen wie die des abgebildeten Rolls-Royce Phantom II Continental Sports Saloon, nämlich coupéartige Viertürer sind heutzutage wieder voll im Trend (s. Mazda RX8 und Mercedes CLS).
Rolls-Royce Phantom II Continental
Hingegen gehören die großen zweitürigen Coupés oder two door Sports Saloons, wie der Rolls-Royce Camargue, wohl einer aussterbenden Spezies an.
Rolls-Royce Camargue

Schließlich gab es da noch die Saloon-Limousine, ein Saloon mit sieben Sitzplätzen. Was heißt hier gab - das gibt es auch wieder! Nur heißt das heutzutage "Van"!

(Text & Fotos: Michael Ehrhardt)

 

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