Verwechslungen gibt es nicht und Ähnlichkeiten mit Familienmitgliedern sind erkennbar, der Wraith ist ein Rolls-Royce wie er im Buche steht. In der Gattung der großen Coupés allerdings wird der jüngste und stärkste Rolls-Royce für lange Zeit ein Exemplar der ganz besonderen Art bleiben.

Man kann sich diesem Coupé mit den Augen des neutralen Beobachters nähern, man kann Vergleiche ziehen, andere große Coupés als Referenz nehmen oder auch Datenblätter zu Rate ziehen. Man kommt dann recht schnell zu dem Ergebnis, dass der Wraith nicht der schnellste, sportlichste oder auch agilste seiner Zunft ist. Was man aber sofort erkennt, ist die Ausnahmestellung seiner Strahlkraft und seiner Ausgewogenheit dank seines Designs und der Balance zwischen Kraft, Komfort und Stilsicherheit.

In Wien, mitten im Berufsverkehr, setzt der Wraith seine ersten Zeichen. Zwischen Tram und Regierungspalast, die deutliche Differenz zwischen Bürolimousine und Wraith könnte nirgendwo besser in Szene gesetzt werden, läuft der Brite mit auffallender Lässigkeit durch die Auto-Gassen, er lässt sich locker und spielerisch dirigieren. Die berühmte Waftability zeigt auch im Schritttempo ihr Gesicht, Federwege bei kurzen Bremsmanövern werden im sanftem Wiegeschritt zur Wohltat. Der Sternenhimmel über mir, ein Extra der besonderen Art, scheint mit eintausend feinen Himmelskörpern herab, die Ruhe des frühen Morgens wird dank bester Dämmung spürbar verlängert. Wer hupt, wird erhört, wer scheppert wird ignoriert. Ein Rolls-Royce filtert nicht nur Schlaglöcher und Bodenwellen, er lässt auch das Gehör in Ruhe. Eine Fähigkeit, an die man sich schnell gewöhnt. Es sei denn, man träumt von motorsportlichen Aktivitäten. Dafür wurde der Wraith mit einer exzellenten Audi-Anlage ausgestattet. Wer mag, kann sich also morgens auf dem Weg zum Schreibtisch mit den Klängen startender Rennwagen in Stimmung bringen lassen.

Nach gut einer Stunde wird Wien grüner, die beeindruckenden Häuserfassaden werden gegen Bäume eingetauscht und der Abstand zwischen Gaspedal und Teppich kann reduziert werden. Die 632 PS weiter vorn sammeln sich, die Dame auf dem Tempel scheint in Vorbereitung auf einen Schub nach vorn, die Flügel ein wenig anzulegen. Das Coupé macht einen Satz, der mit einem für Rolls-Royce-Fahrer ungewohnt deutlichen Motorsound untermalt wird. Auch hier ist der Wraith im Vergleich zu seinen Brüdern und Schwestern eine Ausnahme. Er darf ein wenig lauter sein. Auf der Autobahn setzen dann 800 Newtonmeter das Coupé unter Druck. Tempo 150 ist hurtig und fast unbemerkt erreicht, ich werde dank meiner inneren Haltung keine Speed-Limit-Tickets zu zahlen schnell wieder eingebremst. Bei Tempo 120 rollt man dahin, rechts und links werden Fotos gemacht. Der Wraith zieht seine Bahn,
freut sich auf die Gelegenheit, dass zu tun, was ein klassischer GT gern tut. Schöne, lange Kurven fahren.

Die Ausfahrt zur Landstrasse gibt einen ersten Vorgeschmack. 2,3 Tonnen neigen sich leicht zur Seite, wie eine Dame, die mit ihrem Kopf eine Geste andeutet. Vielleicht sollte man eine Kamera vor der Spirit of Ecstasy anbringen, man könnte dann sehen, ob die Ikone da vorn tatsächlich regungslos dem Fahrtwind trotzt und die Fahrbahn in zwei gerechte Hälften teilt. Nach den ersten Kurven werden die Motive der Wraith-Entwickler deutlich. Das Coupé ist ein Ruhe-Kraft-Komfort-Wagen mit deutlicher Neigung zur sportlich-souveränen Fortbewegung. Man könnte natürlich noch zahlreiche technische Spielsachen wie Allradantrieb, verschiedene Fahrwerksmodi-Schalter, ausfahrbare Spoiler, Schaltwippen am Volant und so weiter einbauen. Man könnte, aber man sollte die Finger davon lassen. Der Wraith wäre dadurch seiner Eigenständigkeit beraubt. Die Fahrwerksabstimmung, die Motorsteuerung und das Getriebe setzen den Rolls-Royce nicht unter Strom, sie geben ihm diesen persönlichen und sehr speziellen Touch des sportlich-ruhigen GT aus bestem Hause. Keine Hetzjagd, keine Stressfahrt und auch keine Vergleiche mit anderen Ställen.

Während der Brite in aller Ruhe seine Kreise zieht, Österreichs Wälder das letzte Grün für dieses Jahr auftragen und manche Kurve dem Vorwärtsdrang und dem Federweg des Wraith das Spiel zwischen Masse und Zentripidalkfraft aufzeigt, wird im Innenraum die Kombination aus Leder, Furnier und Chrom genossen. Die Sitze oder besser Sessel sind einen Hauch konturierter als im Phantom Coupé, auf den beiden Sitzen im Fond sind auch Menschen mit dem Maß 185 bequem und luxuriös unterwegs. Der Kofferraum ist nicht nur mit bestem Teppich belegt, er bietet auch genau den Raum, den man für eine erholsame Reise zu Zweit oder Dritt benötigt. Kenner der Marke wissen um die Notwendigkeit der räumlichen Opulenz in einem Rolls-Royce, die Zeit der Schrankkoffer auf separater Route sind vorbei.

Vierhundert Kilometer mit dem Wraith sind vorbei. Wieder in Wien, wieder vor dem Palais Coburg und wieder der Charme von Wolfgang und Co. Der Brite als Gast in dieser Stadt mit Geschichte, großartiger Architektur und dieser unvergleichlichen Mischung aus Kitsch, Glamour, Kultur und Modernität hat sich für ein paar Momente fast wie ein Einheimischer fühlen dürfen. So wie Wien eine ungewöhnliche Besonderheit im Reigen der Metropolen Europas verdient hat, so ist der Wraith ein besonderes Automobil. In der obersten Liga großer Coupés wird der neue Rolls-Royce seinen eigenen Platz haben.

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Die technischen Daten:

Motor: V12 / 48 Ventile

Leistung: 465 kW/632 PS

Drehmoment: max 800 Nm

Top Speed: 250 km/h (abgeregelt)

0-100 km/h: 4,6 Sekunden
Länge: 5.269 mm

Breite: 1.947 mm

Höhe: 1.507 mm

Radstand: 3.112 mm

Wendekreis: 12,7 m

Kofferraum: 470 Liter
Verbrauch kombiniert: 14,0 Liter

Preis in Deutschland ab: 279.531,00 Euro