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Von Silbernen Schatten und Gebrochenen Lanzen - ein Bericht von Götz v. Kayser

Der Rolls-Royce Silver Shadow, wie ihn jeder kennt.

Im Bewusstsein, zumindest der deutschen Öffentlichkeit, gilt er als Symbol für "den" Rolls-Royce schlechthin und wird mit Vielem assoziiert, was in unserer so aufgeklärten und liberalen Gesellschaft politisch völlig inkorrekt ist. Sein häufig genug trauriges Dasein fristet er inzwischen nicht selten auf Hinterhöfen und man findet ihn mittlerweile als Sonderangebot bei Fähnchenhändlern und in den Gebrauchtwagenanzeigen drittklassiger Schraubermagazine. Befremdliche Artikel selbst renommierter Automobilzeitschriften befassen sich mit ihm süffisant vor allem unter dem Aspekt, wie viel Rolls-Royce man für wie wenig Geld bekommt und tragen so zu seinem schlechten Image bei. Er hat sich über die Jahre einen gesellschaftlich und technisch zweifelhaften Ruf erworben, was sich in manchmal grotesk niedrig anmutenden Preisen widerspiegelt. Kurz: der Rolls-Royce Silver Shadow ist in seiner Autokategorie, zumal in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit, "ganz unten".

Bentley T
Bis auf das Markenzeichen mit dem Bentley T identisch: Rolls-Royce Silver Shadow

Häufig dient er für kurze Zeit als mobiles Fortbewegungsmittel solcher Zeitgenossen, die meinen, sich mit geringem finanziellen Einsatz den Anschein von Status, Stil und Klasse verschaffen zu können, nur um entsetzt festzustellen, dass das vorhandene Budget für den Unterhalt schlicht nicht reicht. Es sind i.d.R. diese vernachlässigten Autos, die schließlich "im Kundenauftrag" von irgendwelchen Autohäusern angeboten werden, und in einer hinteren Ecke auf dem Firmengelände auf die Reporter eingangs geschilderter Verunglimpfungsartikel warten müssen. Günstigenfalls gilt der Silver Shadow als Einsteigermodell in ein Hobby, das so viele vermeintlich begehrenswertere Typen bereit hält. Sein Bentley-Pendant, das T-Modell, bleibt von dieser grundsätzlichen Beurteilung nicht verschont.

Um meine persönliche Meinung gleich hier kundzutun: damit wird man diesem stilvollen und hervorragenden Automobil schlicht und ergreifend nicht gerecht. Es wird höchste Zeit, eine Lanze für dieses Fahrzeug zu brechen, was hiermit an dieser Stelle geschehen soll.

Natürlich ist er nicht eben selten anzutreffen, wie überhaupt die Langlebigkeit von Rolls-Royce und Bentley in vielen Fällen für ein zwar nicht sehr umfangreiches aber doch stetig vorhandenes Angebot an verschiedenen Typen aus Vorbesitz sorgt. Und - ja - sehr viele Shadows, die auf einen neuen Besitzer warten, sind von minderer Qualität und nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Aber beides spricht in keiner Weise gegen das Modell an sich.

Rolls-Royce Silver Shadow eines französischen Liebhabers

Als der Silver Shadow bzw. der Bentley T im Oktober 1965 das Licht der automobilen Welt erblickten, lagen bereits viele Jahre der Entwicklung hinter den verantwortlichen Ingenieuren bei Rolls-Royce. Die grundsätzliche Abkehr von Vielem, was bis dahin für Fahrzeuge mit der Emily bzw. dem Winged B auf dem Kühler unumstößliches Gesetz war, ist in der einschlägigen Fachliteratur hinlänglich dokumentiert. Kürzer, niedriger und schmaler kam der Nachfolger der beliebten "Silver Clouds" und "S"-Modelle daher, bot aber trotzdem einen vergleichbar großen Innenraum und das deutlich voluminösere Kofferabteil. Erstmals wurde ein neuer Rolls-Royce nicht mehr nach dem Prinzip der Trennung von Chassis und Karosserie, sondern mit einer selbsttragenden Karosserie hergestellt, was in der Folge verschiedenen renommierten Coachbuilders den Garaus machte. Und erstmals sprach ein solches Fahrzeug vor allem auch den "owner-driver" an, den Selbstfahrer, der den manchmal lustvollen, aber zumindest immer geringen Mühen des Fahrens  dem Gefahrenwerden den Vorzug gab. Lediglich 20% aller Käufer des neuen Modells überließen das Volant einem Chauffeur.

Das Fahrzeug bestach durch ambitionierte Technik und vor allem durch seine ausgewogen proportionierte und mit schlichter Eleganz beeindruckende Formgebung. Der Zuspruch jedenfalls war gewaltig und der Silver Shadow avancierte zum meistverkauften Modell der Firmengeschichte. Natürlich war er damals, neben dem Phantom und - später - dem Camargue und der Corniche, das "Brot und Butter Auto" von Rolls-Royce. Allerdings relativiert sich diese Einordnung leicht angesichts des mehr als beachtenswerten Kaufpreises.

Auch in geschlossenem Zustand von bestechender Schönheit und Eleganz: Rolls-Royce Corniche Convertible
Der letzte Vertreter der Baureihe war der hier abgebildete Bentley Continental
Rolls-Royce Silver Shadow two door Saloon, das spätere Corniche Coupé, das auch als Bentley erhältlich war

Was in der Folgezeit an Derivaten auf den Markt kam, wusste ebenfalls zu begeistern. Coupé, pardon: two-door saloon, und drophead coupé, vulgo: Cabriolet, waren von bestechender Linienführung und mit ebenso anspruchsvoller Technik ausgerüstet. Im Laufe des Produktionszyklus wurden technische Neuerungen oder Verbesserungen (jaja, dafür gab es durchaus Raum) zuerst immer in diesen wesentlich teureren Modellen angeboten, bevor sie auch in der viertürigen Version verbaut wurden. 1977 schließlich erfolgte die Vorstellung von Silver Shadow II bzw. T2, nachdem eine Fülle von Weiterentwicklungen und einige äußere Retuschen die Abgrenzung zu den bis dahin gebauten Fahrzeugen nahe legten. Augenfälligstes äußeres Merkmal der Neuen waren die gummibewehrten Stoßstangen. Die nunmehr verfügbare Zahnstangenlenkung verbesserte das Fahrverhalten spürbar. 1980 lief die letzte Limousine vom Band, das Coupé wurde noch kurze Zeit länger produziert. Lediglich das Cabriolet "überlebte" in alter Form, aber später dann mit der Technik des Nachfolgers, bis 1995. Ach ja, ein Wort noch zum Kaufpreis: bei seiner Markteinführung im Jahre 1977 trennte sich Rolls-Royce nur gegen Hingabe von zumindest DM 150.000,- von einem Silver Shadow II.

Es kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass der überaus große Erfolg des Silver Shadow den Automobilsektor der Firma Rolls-Royce in der schweren Zeit der frühen siebziger Jahre am Leben erhalten hat. Allein von den Saloon genannten viertürigen Versionen des Rolls-Royce und des Bentley wurden - inklusive der Versionen mit langem Radstand, die ab der Serie 2 bei Rolls-Royce nicht mehr lediglich mit dem schnöden Zusatz lwb bedacht wurden, sondern nunmehr als Rolls-Royce Silver Wraith II firmierten - von 1965 bis 1981 die für RR-Verhältnisse geradezu inflationäre Anzahl von 26.471 Fahrzeugen hergestellt Ohne ein solches auf hohem Niveau konstant erfolgreiches Modell hätte Rolls-Royce die Turbulenzen, die in der Sparte "Flugzeugtriebwerke" entstanden waren, nicht meistern können. War der Ergebnisbeitrag des Automobilbaus bis dahin meist negativ und musste daher durch die Erträge aus dem Bau von Flugzeugtriebwerken quersubventioniert werden, änderte sich dies mit dem Erscheinen des Silver Shadow und seiner Derivate grundlegend. Als die Firma ins Trudeln geriet, war es daher folgerichtig, die Geschäftsbereiche zu separieren und als eigenständige Einheiten fortzuführen. Der Fahrzeugbau in der Rolls-Royce Motors Ltd. kam in der Folge zum Vickers Konzern.

Der Silver Shadow in der elegantesten Ausführung, mit langem Radstand. Hier abgebildet, die amerikanische Ausführung mit großen, kunststoffummantelten Stoßfängern und seitlichen Schutzleisten.

Soweit in Kurzform die Historie. Die Gegenwart wird der Bedeutung dieses Autos nicht gerecht. Noch immer macht ein Silver Shadow oder Bentley T in der Öffentlichkeit mit seiner zeitlosen Eleganz eine gute Figur; noch immer bringt er seine Insassen mit großem Komfort und Stil von A nach B (auch wenn es nicht immer in erster Linie um das Erreichen von B geht). Noch immer kann er in der Stadt, auf der Landstraße oder auf der Autobahn problemlos mithalten, es sei denn, man ließe sich mit einem jugendlichen tdi-Wadenbeißer auf ein Ampelduell ein, aber ... ich bitte Sie!

Blick von Shadow zu Shadow bei einer gemeinsamen Ausfahrt

Voraussetzung für Rolls-Royce gemäße Fortbewegung ist allerdings eine Rolls-Royce gemäße Behandlung. Und damit kommen wir zum Grund allen Übels. Wenn man einen Blick in den Serviceplan eines Silver Shadows wirft, dann stellt man schnell fest, dass zum Einen sehr viele Dinge zu erledigen sind, was eine zwangsläufige Folge des Umstands ist, dass man es mit einem komplexen Stück Technik zu tun hat. Zum Anderen wird der mittelprächtig begabte Selbstschrauber in sehr kurzer Zeit an die Grenzen seines Könnens herangeführt. Fremde Hilfe tut also Not, und das nach den Vorstellungen der Firma Rolls-Royce alle 10.000 Kilometer oder jedes Jahr einmal.

Leider verleitet der seit geraumer Zeit unrealistisch günstige Gestehungspreis viele Erwerber von äußerlich eventuell sogar halbwegs ansprechend präsentierten pre-owned Fahrzeugen zu zwei grundsätzlichen Fehlannahmen: erstens, dass der oder die Vorbesitzer dem Auto trotz des niedrigen Gestehungsaufwandes dennoch die notwendige technische Pflege haben angedeihen lassen und zweitens, dass die erforderliche Wartung auch (weiterhin?) zu Tarifen zu haben sein wird, die im Verhältnis zu dem geringen Kaufpreises stehen. Beides ist falsch.

Silver Shadows bei einem der vom RREC durchgeführten Technischen Seminare. Diese helfen den Clubmitgliedern, das Fahrzeug optimal zu warten und viel Geld zu sparen,...
...damit man noch lange an seinem Schmuckstück Freude hat.

Besitz und Betrieb eines Rolls-Royce Silver Shadow oder Bentley T sind niemals billig. Es gibt das Bonmot, man könne mit diesen Fahrzeugen ein kleines Vermögen machen - wenn man vorher ein großes hatte... Nun, soweit muss es nicht kommen, aber eine angemessene Wartung und Pflege hat ihren Preis, selbst dann, wenn man hierfür nicht ausschließlich offizielle Händler oder Servicepunkte bemüht und auch nicht nur originale und neue Ersatzteile verwendet. Die exorbitanten Benzinpreise, im Verbund mit einem absolut gesehen durchaus kräftigen Verbrauch, tun ein Übriges, die laufenden Kosten deutlich jenseits dessen zu etablieren, was man von Wagen der gehobenen Mittelklasse aus deutschen Landen gemeinhin gewohnt ist - ob man will oder nicht.

Sich das Erlebnis, einen Rolls-Royce oder Bentley zu bewegen, tatsächlich in seinem vollen, Vergnügen stiftenden Umfang zu gönnen, erfordert es, den Zustand des Fahrzeugs optisch und technisch auf gewissem Niveau zu halten. Der Wagen verzeiht lange Zeit sehr viel; irgendwann allerdings kommt der Moment, wenn es heißt: she failed to proceed. Selbst späte Exemplare sind mittlerweile zumindest ein Vierteljahrhundert alt, und es darf daher nicht erwartet werden, dass sie völlig frei von "Zipperlein" sind. Auch muss man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass diese Autos kapriziös sein können. Rauben sie ihrem Besitzer damit den letzten Nerv, ist dies normalerweise schlicht ein Zeichen von zu geringer Zuwendung, zumindest während der Verweildauer beim Vorbesitzer. Man bekommt das durch fachkundige Reparatur und anschließende regelmäßige Wartung und ebenso regelmäßige Bewegung gut in den Griff, allerdings kann dies den Geldbeutel ganz erheblich strapazieren. Längere Standzeiten sind wenig zweckdienlich und Exemplare mit besonders geringer Laufleistung nicht unbedingt erste Wahl, zumindest dann nicht, wenn man selber häufiger mit dem guten Stück unterwegs sein will.

Der Bentley T2 des Autors
Rolls-Royce Silver Shadow II

Andererseits kann festgestellt werden: ein Silver Shadow oder T, insbesondere solche der Serie 2, können durchaus als zuverlässige Alltagsautos eingesetzt werden und bereiten dann mit ihrer unaufgeregten, souveränen Art sehr viel Freude. Nichts verleitet zum Rasen, alles dagegen zum "Mitschwimmen" und zum Dahingleiten. Ruhe, Komfort, Waftability - angenehm klimatisiert (durch die ab Serie 2 standardmäßige zwei-Zonen Klimaautomatik) und umgeben von feinstem Leder und verschwenderisch verarbeitetem glänzenden Holz, lässt es sich in und mit einem Silver Shadow sehr gut leben. 

Das Auto ist also ein Kauf, zumindest dann, wenn man eines Exemplars habhaft wird, dessen regelmäßige Wartung durch sachverständige Firmen anhand des Servicehefts nachgehalten werden kann, und dessen - für sein Alter angemessene - Kilometerleistung glaubwürdig dokumentiert ist.  Auch empfiehlt es sich darauf zu achten, dass sich zumindest in den letzten vier bis fünf Jahren der Kilometerstand einigermaßen kontinuierlich weiterentwickelt hat und keine längeren Pausen erkennbar sind. Auch wenn es dann vorher längere Standzeiten gegeben haben sollte, dürfte der Verkäufer im Laufe seiner (regelmäßigen) Nutzung die wesentlichen und damit kostspieligen Probleme, die aus einer solchen Standzeit resultieren können, beseitigt haben. 

Charakteristisch für die Versionen mit langem Radstand (hier die des Silver Shadow II, die als Silver Wraith II bezeichnet wurde) war meist ein kleineres Heckfenster.

Und schließlich: now is the time. Nach meiner - allerdings nicht besonders intensiven - Beobachtung erodieren die Preise derzeit nicht weiter. Dazu mag beitragen, dass sich allmählich die Spreu vom Weizen trennt. Die vernachlässigten und wirklich schlechten Exemplare werden nach und nach verschwinden und sind derzeit für ganz geringe Beträge auf dem Markt. Diejenigen Interessenten, die sich ernsthaft mit einem Silver Shadow oder T auseinandersetzen, greifen vernünftigerweise bereits heute auf die gepflegten Angebote mit belegter Historie und vertretbarem Kilometerstand zurück. Die auch für die Serie 2 in den kommenden Jahren bevorstehende Eignung für das günstige H-Kennzeichen und eben die Alltagstauglichkeit dieses Klassikers werden für eine weitere Steigerung der Nachfrage sorgen. Ich gehe dabei davon aus, dass sich diese auf das obere Ende des Marktes konzentrieren wird. Dort trifft sie auf ein trotz der insgesamt hohen Produktionszahl nicht mehr sehr großes Angebot an wirklich guten Autos. Daher ist vermutlich sogar mit moderaten Preissteigerungen zu rechnen. Fahrzeuge der Kategorie 2 sollten sich mittelfristig dauerhaft oberhalb der Grenze von € 30.000,- etablieren.

Zur Zeit gibt es ihn allerdings meist noch günstiger, den wundervollen, stil- und geschmackssicheren Silbernen Schatten.

 

Text: Götz v. Kayser

Fotos: Michael Ehrhardt, Jürgen Th. Büch

 

Als Ergänzung sei noch ein technischer Beitrag unserer Österreichischen Clubfreunde wärmstens zu empfehlen, den Sie hier finden.

 

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