Jüngere Besucher dieser Seite werden sich hier fragen, ob denn da alles mit rechten Dingen zugeht: Rolls-Royce, Flying Spur, Mulliner - hat das nicht eher etwas mit Bentley zu tun? Heutzutage schon!
Ein Blick zurück in die gemeinsame Vergangenheit von Rolls-Royce und Bentley offenbart allerdings, dass Rolls-Royce mit Mulliner einst sehr eng verknüpft war und es in den fünfziger Jahren schon einmal einen Bentley mit der Bezeichnung "Flying Spur" gab.
Der Karosseriebetrieb H.J. Mulliner war schon immer einer der Bedeutendsten für die Marke Rolls-Royce. Über Jahrzehnte wurden dort Karosserien höchster Qualität gebaut, mit charakteristischer Handschrift, die sich selbst im heutigen Rolls-Royce Phantom wiederfindet. Das sogenannte "Razor Edge Design" wurde von H.J. Mulliner formvollendet und fand bis in die fünfziger Jahre beim Rolls-Royce Silver Wraith, dem letzten, nur als Chassis zu erwerbenden Modell der Marke, relativ viele Liebhaber. Allerdings war das auch schon zu einer Zeit, als klassischer Karosseriebau fast ausgestorben war und selbst Rolls-Royce mit dem Silver Dawn bzw. Bentley Mk VI nach dem zweiten Weltkrieg bereits komplette Fahrzeuge anbot.
H.J. Mulliner konnte schließlich nur durch Übernahme durch Rolls-Royce im Jahr 1959 überleben. Anfang der 60er Jahre schließlich wurde H.J.Mulliner mit dem bereits zu Rolls-Royce gehörigen Karosseriebetrieb Park Ward verschmolzen. Fortan wurden bei der "H.J. Mulliner, Park Ward Division" (später nur noch Mulliner Park Ward genannt) der große Phantom V, später der Phantom VI sowie alle Sonderaufbauten der Marken Rolls-Royce und Bentley gebaut. Auch die Typen Corniche und Camargue wurden bei Mulliner Park Ward gefertigt.
Als H.J.Mulliner noch ein eigenständiger Betrieb war, wurden dort auch für die Marke Bentley außergewöhnliche Aufbauten gefertigt. Als bahnbrechend konnte dabei der Bentley R-Type Continental Fastback Saloon mit einer atemberaubenden, stromlinienförmigen Karosserie, die ihn zum damals schnellsten Serienviersitzer der Welt machte, angesehen werden.
Für das Fahrgestell des Bentley S1 Continental wurde bei H.J. Mulliner ein eleganter Viertürer, der "Flying Spur" gefertigt. Mit etwas niedrigerem Kühlergrill und leicht abgewandeltem Heck, gab es dieses Design ebenfalls als S2 Continental. Als schließlich mit dem Bentley S3 die berühmten Doppelscheinwerfer Einzug hielten, wurde selbstverständlich auch der beliebte Flying Spur dem angepasst. Und da das Design so erfolgreich war und es eine gute Nachfrage unter Rolls-Royce-Fahrern gab, wurde der Flying Spur schließlich auch auf dem Fahrgestell des Rolls-Royce Silver Cloud III angeboten. Das war zudem das erste Mal, dass ein Design, das von H.J. Mulliner ursprünglich ausschließlich für einen Bentley Continental entworfen worden war, auch auf einem Rolls-Royce-Chassis zu erwerben war.
Nach Vorstellung der neuen Fahrzeuggeneration mit selbsttragendem Aufbau Mitte der 60er Jahre gab es über Jahrzehnte keinen Flying Spur mehr. Erst im Jahre 1994 besann sich Rolls-Royce der Bezeichnung wieder und nannte so die turbogeladene Version des Silver Spur. Nur 134 Stück wurden vom ersten Rolls-Royce mit 6,7 Liter V8 mit Turboaufladung produziert.
Der hier vorgestellte und ganz oben abgebildete Rolls-Royce Flying Spur ist die Nummer 15 einer Sonderserie von nur 50 Stück, die zusätzlich bei Mulliner Park Ward veredelt worden waren und eine mehr als opulente Austtattung besitzen. Dieser Wagen, bestellt von einem deutschen Kunden, der ihn nach Spanien ausliefern ließ, wurde zusätzlich noch mit weiteren außergewöhnlichen Ausstattungsdetails individualisiert.
Die folgende Galerie zeigt, zu welchen besonderen Leistungen Mulliner Park Ward damals schon fähig war:
Bilder von der Videoanlage (zu den Bildschirmen) und den dazugehörigen Kopfhörern werden bei Gelegenheit nachgereicht.
Dieser einzigartige Wagen bereitet seinem jetzigen Besitzer aus dem Rheinland seit Jahren viel Freude und hat bis heute zuverlässig seine Reisequalitäten, auch bei Langstrecken unter Beweis gestellt. Insgesamt wurden mit diesem Wagen bis heute zehn Länder bereist. Die längste Tour führte ihn dabei bis nach Marokko (7.000 km!). Wieder ein Beweis für die Zuverlässigkeit von Rolls-Royce-Automobilen aus Crewe - sofern sie anständig gewartet sind.
Text & Fotos: Michael Ehrhardt