Rolls-Royce Enthusiasts' Club German Section e.V. > Rolls-Royce / Bentley > Rolls-Royce > Fahrzeugporträts Rolls-Royce

Der Rolls-Royce Wraith und was aus ihm geworden ist

Rolls-Royce Wraith
Rolls-Royce Wraith

Rückblende

Wraith – dieser Name hat eine große Tradition in der Markengeschichte von Rolls-Royce. Alles begann im Jahr 1938. Damals wurde der Wraith als kleinerer Bruder des großen Phantom III und Nachfolgemodell des 25/30hp vorgestellt. Mit entscheidenden Änderungen gegenüber seinem Vorgänger, wie beispielsweise Einzelradaufhängung vorne, Querstromzylinderkopf oder überarbeiteter Ventilsteuerung wäre der Wraith in seiner Klasse bestimmt zum Bestseller geworden, wäre da nicht der Ausbruch des 2. Weltkriegs gewesen. Nach nur 491 Exemplaren fand die Produktion des Wraith ein jähes Ende.

Rolls-Royce Wraith, Chassis WHC33, mit außergewöhnlicher Coupékarosserie von Gurney Nutting.
Rolls-Royce Wraith, Chassis WHC33, mit außergewöhnlicher Coupékarosserie von Gurney Nutting.

Zumeist waren die Karosserien wenig aufregend. In der Regel waren es aristokratisch anmutende, fünfsitzige Saloons oder hohe siebensitzige Limousinen. Zweitürer waren extrem selten. Vielleicht lag es am im Gegensatz zum Phantom III kürzeren Radstand oder der wesentlich kürzeren Motorhaube, unter der sich nur ein Sechszylinder verbarg, dass der Wraih oft etwas pummelig daher kam.

Optisch ist der Wraith relativ leicht vom 25/30 zu unterscheiden, da, wie auch beim Phantom III, der Kühlergrill vor der Vorderachse platziert ist. Wenn nicht gerade ein Phantom danebensteht, ist der Vorkriegs-Wraith ein sehr stattliches Fahrzeug und überragt bei Oldtimertreffen alles Andere um ihn herum.

Auch beim Silver Wraith waren Coupés, wie dieses von Freestone & Webb auf Chassis WVH6, extrem selten.
Auch beim Silver Wraith waren Coupés, wie dieses von Freestone & Webb auf Chassis WVH6, extrem selten.

Der erste Rolls-Royce, der nach den Kriegswirren im Jahr 1946 auf den Markt kam, hieß Silver Wraith. Er wurde in 1.883 Exemplaren (davon 639 Stück mit langem Radstand) bis zum Jahr 1959 gefertigt. Besser gesagt wurden, wie es in der Vergangenheit bei Rolls-Royce üblich war, 1.883 Fahrgestelle gefertigt, welche die Kunden dann beim Karossier ihrer Wahl individuell einkleiden ließen.

Es entstanden dabei viele wunderschöne, teils sehr aufwändig gestaltete  Karosserien, vom zweitürigen Cabrio bis hin zur mächtigen, siebensitzigen Limousine. So mancher Silver Wraith wird noch heute als repräsentativer Staatswagen verwendet. Eines der prominentesten Exemplare dieser Art  in Europa ist der Silver Wraith mit der Chassisnummer LGLW24 und Landauletkarosserie von Park Ward, der einst für Königin Juliana der Niederlande gebaut worden war, sich heute in Privatbesitz befindet, jedoch ab und an noch vom niederländischen Königshaus gebraucht wird.

Rolls-Royce Silver Wraith II, Chassis LRH38489 (Foto: Colin Hughes, RREC)
Rolls-Royce Silver Wraith II, Chassis LRH38489 (Foto: Colin Hughes, RREC)

Der Silver Wraith II, den es ab 1978 zu kaufen gab, war nichts anderes, als die um 10 cm verlängerte Variante des Rolls-Royce Silver Shadow II. Dieses „Mehr“ an Länge kam nur den hinteren Passagieren zugute. Ebenso hatte der Wagen hinten nun genügend Platz, um alternativ eine Chauffeurtrennwand zu installieren. So mancher Silver Wraith II mit Trennwand erhielt für vorne und hinten sogar zwei getrennte Klimaanlagen.


Der Rolls-Royce Wraith heute

Hinsichtlich der Modellgeschichte hätte dem aktuellen Rolls-Royce Ghost der Name Wraith eventuell besser zu Gesicht gestanden als dem neuen Wraith. Dieser nämlich hat charakterlich gar nichts mehr mit seinen Namensvettern gemein. Die große Gemeinsamkeit - neben dem Namen - beschränkt sich auf die Fahrzeugproportionen und deren Wirkung auf den Betrachter.

Die Proportionsformel, die Rolls-Royce Motor Cars beim Phantom konsequent angewendet hat, kommt auch hier zum Tragen: Fahrzeughöhe = doppelter Raddurchmesser, kurzer Überhang vorn, langer Überhang hinten. Dadurch entstehen gefällige Proportionen, die den Wagen auf Fotos relativ kompakt erscheinen lassen. So war es auch schon bei den alten Silver Wraiths. Steht man aber direkt davor, ist man ob der gewaltigen Ausmaße überrascht. Eine Silver Wraith Limousine mit langem Radstand erreicht gut die Höhe eines Familienvans!

Aus dieser Perspektive wirkt der Wraith recht kompakt.
Aus dieser Perspektive wirkt der Wraith recht kompakt.

Diesen Überraschungseffekt erlebt man beim Wraith aus Goodwood ebenfalls. Betrachtet man ihn auf Bildern, wirkt er recht kurz, und das Fließheck lässt vermuten, dass es sich hier eher um einen Zweisitzer handelt, mit stark eingeschränktem Platzangebot hinten. Dem ist allerdings bei weitem nicht so! Die tatsächlichen Dimensionen des Wraith sind für ein zweitüriges Coupé bemerkenswert: 5.296 mm lang, 1.947 mm breit und 1.507 mm hoch. Damit ist er länger als eine S-Klasse der Baureihe 222 von Mercedes in Normallänge (5.116 mm). Auch ist der Wraith breiter und höher als die S-Klasse. Das lässt üppige Platzverhältnisse innen vermuten.

Ein Novum bei Rolls-Royce ist diese Holztäfelung des Innenraums, genannt "Canadel Panelling" mit der Maserung im Winkel von exakt 55 Grad.
Ein Novum bei Rolls-Royce ist diese Holztäfelung des Innenraums, genannt "Canadel Panelling" mit der Maserung im Winkel von exakt 55 Grad.
Auch beim Wraith sind Regenschirme serienmäßig mit an Bord.
Auch beim Wraith sind Regenschirme serienmäßig mit an Bord.
Der Sternenhimmel, der sich über den gesamten Innenraum zieht, wirkt beruhigend auf die Insassen.
Der Sternenhimmel, der sich über den gesamten Innenraum zieht, wirkt beruhigend auf die Insassen.

Dass er vorne großzügig dimensioniert ist, überrascht nicht. Als Fahrzeug für Selbstfahrer konzipiert, haben Fahrer und Beifahrer viel Platz. Doch wie sieht es hinten aus? Da überrascht der Wraith mit reichlich Kopf- und Beinfreiheit. Dank des langen Radstandes von 3.112 mm ist er hinten sogar derart geräumig, dass auch hier großgewachsene Menschen über längere Strecken recht bequem reisen. Und Dank des großen Kofferraumes können diese auch noch reichlich Gepäck mitnehmen. Somit taugt der Rolls-Royce Wraith durchaus als Reisewagen für eine vierköpfige Familie. Da er aber sehr fahrerorientiert ausgelegt ist, gibt es für die Kids hinten weder DVD noch Fernseher.

Mag es vielleicht störend sein, dass der Fond etwas wenig Infotainment bietet, so ist ein Platz auf den  Rücksitzen, die dank der großen, sich weit öffnenden Türen gut erreichbar sind, sehr behaglich. Man fühlt sich dort sehr gut aufgehoben, und wenn der Wagenhimmel mit dem berühmten Sternenhimmel ausgestattet ist, wird eine Nachtfahrt besonders hinten zu einem besonderen Erlebnis. Da kann es durchaus passieren, dass man selbst im Rolls-Royce Wraith nicht mit dem Fahrer tauschen möchte.

Vorne fühlt man sich wie im Ghost.
Vorne fühlt man sich wie im Ghost.
Nur die Uhr sagt einem, dass man im Wraith unterwegs ist.
Nur diie Uhr sagt einem, dass man im Wraith unterwegs ist.
Der 6,6 Liter V12 arbeitet auch im Wraith absolut geschmeidig und unauffällig.
Der 6,6 Liter V12 arbeitet auch im Wraith absolut geschmeidig und unauffällig.

Der beste Platz im Wraith ist aber tatsächlich vorne. Wer den Ghost bereits gefahren hat, fühlt sich im Wraith sofort heimisch. Optik und Bedienung sind nahezu identisch, und auch das Fahrgefühl ist sehr ähnlich. Wer aufgrund der Ankündigungen ein reinrassiges Sportcoupé erwartet hat, sieht sich enttäuscht. Zwar ist der Wraith dynamischer als jeder andere Rolls-Royce vor ihm, denn das satellitengestützte und vorausdenkende Getriebe schaltet (für den Laien unmerklich) präziser, das Fahrwerk wirkt straffer und die Beschleunigung ist für den mit 2,4 Tonnen doch recht schweren Wagen atemberaubend (4,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h).

Trotzdem ist der Wraith in seinem Wesen ein echter Rolls-Royce geblieben. Auch mit ihm schwebt man über Fahrbahnunebenheiten, wie man es nur mit einem Rolls-Royce kann. Er ist so leise und hervorragend verarbeitet, wie es sich für ein Fahrzeug dieser Marke gehört, ganz ohne Klappern oder Knistern. Der Motor verrichtet seine Arbeit absolut unauffällig und fast geräuschlos. Lediglich ein paar leichte Windgeräusche bei sehr hohen Geschwindigkeiten fallen demjenigen auf, der den Rolls-Royce Ghost kennt und weiß, dass diesem Windgeräusche absolut fremd sind. Die riesigen, rahmenlosen Türfenster des Wraith werden bei höheren Geschwindigkeiten nach außen gedrückt und bewirken ein zartes Rauschen, das aber nur deshalb zu hören ist, weil im Wraith sonst absolute Ruhe herrscht – sofern die grandiose Musikanlage Pause hat.

Geradezu sportlich wirkt der Wraith, wenn die rahmenlosen Scheiben heruntergelassen sind.
Geradezu sportlich wirkt der Wraith, wenn die rahmenlosen Scheiben heruntergelassen sind.

Liebhaber der Marke stellen somit beruhigt fest, dass Rolls-Royce mit dem Wraith einen Wagen geschaffen hat, der allen Rolls-Royce-Prinzipien treu geblieben ist. Um das außergewöhnliche Wesen des Wraith als leistungsfähigster Rolls-Royce aller Zeiten zu unterstreichen, hat man mit dem Fließheck jedoch eine Karosserieform gewählt, wie es sie in der Vergangenheit noch niemals serienmäßig bei einem Rolls-Royce gegeben hat. Ab den 1930er Jahren bis in die 1950er Jahre gab es aber immer wieder zwei- oder viertürige Aufbauten für Rolls-Royce mit Fließheck.

Rolls-Royce Phantom II, Chassis 248AJS - vermutlich der erste Rolls-Royce mit Fließheck (Foto: Sammlung Roßfeldt)
Rolls-Royce Phantom II, Chassis 248AJS - vermutlich der erste Rolls-Royce mit Fließheck (Foto: Sammlung Roßfeldt)

Die erste Karosserie dieser Art dürfte ein Coupé gewesen sein, das Brewster in den USA im Jahr 1931 als Ausstellungsstück für die New York Motor Show auf das Fahrgestell eines linksgelenkten Rolls-Royce Phantom II (Chassis 248AJS) gesetzt hatte.

In England schufen die traditionellen Karossiers, insbesondere Barker ab und zu zwei-, meist viertürige, rundliche Aufbauten mit geschwungenem Heck, bei denen die Kofferraumstufe einfach weggelassen wurde und sich dadurch wieder so etwas wie ein Fließheck ergab. Dadurch wurde das Kofferraumvolumen so weit eingeschränkt, dass bei Reisen wieder ein wetterfester Koffer notwendig wurde und das Gepäck in erster Linie wieder auf dem offenen Kofferraumdeckel festgeschnallt werden musste.

Rolls-Royce Phantom III, Chassis 3BU190 mit Fließheckkarosserie von Barker (Foto: Colin Hughes, RREC).
Rolls-Royce Phantom III, Chassis 3BU190 mit Fließheckkarosserie von Barker (Foto: Colin Hughes, RREC).

Als richtiger Vorläufer des Rolls-Royce Wraith darf der Rolls-Royce Silver Dawn mit der Fahrgestellnummer SCA43 gelten. Denn anders als die ganz auf Gewichtsersparnis getrimmten Karosserien der Bentley R-Type Continental und S1 Continental Fastback Saloons, ist der Aufbau jenes Silver Dawn ein echter 2+2-Sitzer, der ganz ohne Kompromisse für einen Kunden von Pinin Farina - damals noch in zwei Worten geschrieben - entworfen und gefertigt wurde. Der Wagen, gleichzeitig der erste rechtsgelenkte Silver Dawn mit Sonderkarosserie, wurde im Jahr 1951 auf dem Turiner Automobilsalon gezeigt und blieb, wohl weil er dreimal so teuer war wie ein Silver Dawn mit Standardkarosserie, ein Einzelstück. Vielleicht war die Zeit aber auch noch nicht reif für ein Rolls-Royce Coupé mit Fließheck.

Rolls-Royce Silver Dawn, Chassis SCA43 - das Coupé von Pinin Farina...
Rolls-Royce Silver Dawn, Chassis SCA43 - das Coupé von Pinin Farina...
...kann als echter Vorgänger des Wraith bezeichnetwerden. (Fotos: P & A Wood)
...kann als echter Vorgänger des Wraith bezeichnetwerden. (Fotos: P & A Wood)

Aber auch heute wirkt ein Rolls-Royce mit Fließheck mehr als ungewohnt. Der Wraith soll sich als erstes vollwertiges, serienmäßig von Rolls-Royce angebotenes Coupé von allen bisherigen Modellen der Marke abheben und auch optisch mitteilen, dass er der leistungsfähigste Rolls-Royce aller Zeiten und damit ganz anders ist als alle anderen Rolls-Royce vor ihm. Das Design wirkt daher provozierend, kraftvoll und sehr dynamisch. Rolls-Royce nennt es gar „dramatisch“. Es steht für die Kraft und die Leistung, die in diesem Wagen steckt. Gleichzeitig erlaubt die Linienführung auch auffällige Zweifarblackierungen, von denen die Kunden beim Wraith lieber Gebrauch machen als bei den anderen Modellen.

Egal, ob von vorne oder hinten...
Egal, ob von vorne oder hinten...
...der Wraith wirkt immer bullig.
...der Wraith wirkt immer bullig.

Man muss den aktuellen Rolls-Royce Wraith gedanklich von seinen Namenvettern trennen, denn er ist mit diesen nicht im Geringsten vergleichbar. Der Wraith ist von der vornehmen klassischen Chauffeurlimousine zum 2+2-Sitzer Coupé mutiert, der einen ganz anderen, jüngeren Kundenkreis anspricht. Er ist kraftvoll, schnell und dynamisch aber auch genauso komfortabel und leise, wie es ein Rolls-Royce sein muss, und er hat mehr Platz, als es die Karosserieform vermuten lässt. Man könnte sogar sagen, der Wraith ist ein Multifunktionscoupé, das mit all diesen Eigenschaften durchaus auch als alleiniges Fahrzeug in der Garage seine Berechtigung hätte, da es fast keine Wünsche offen lässt.

Rolls-Royce Wraith
Rolls-Royce Wraith
Rolls-Royce Wraith

Text:  Michael Ehrhardt

Fotos:  Michael Ehrhardt, Colin Hughes, Klaus-Josef Roßfeldt, P&A Wood

 

Aktuelles

Updates

14.11.2017: 

neueste Updates

 

Zum Mitgliederbereich:

Suchen auf rrec.de


Nach oben