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Entschleunigung – Ausfahrt mit einem 1954er Rolls-Royce Silver Dawn

Hervorragendes Medikament zur Senkung des Blutdrucks: Rolls-Royce Silver Dawn
Rolls-Royce Silver Dawnvc

Obwohl ich schon jahrzehntelanges Mitglied des RREC bin, gehöre ich zur fahrzeuglosen Fraktion dieses Clubs. Dennoch komme ich als Webmaster ab und zu in den Genuss, einen Rolls-Royce oder auch mal einen Bentley zu fahren. Dies beschränkt sich aber leider nur auf die neuesten Fahrzeuggenerationen aus Goodwood und Crewe, wenn es darum geht, diese ausführlich auf dieser Homepage vorzustellen.

Anlässlich unseres diesjährigen Frühjahrstreffens 2015 in Stuttgart hatte der Organisator der Veranstaltung Erbarmen mit mir und organisierte für mich von einem Freund kurzerhand einen Rolls-Royce Silver Dawn, der gerade rechtzeitig zum Frühjahrstreffen mit neuem TÜV versehen worden war und den ich während der touristischen Ausfahrt am Samstag selbst fahren durfte.

Bentley-Variante des Silver Dawn: der Bentley R-Type
Bentley R-Type

Ein wenig Erfahrungen mit Fahrzeugen dieser Art hatte ich in der Vergangenheit schon sammeln dürfen. Mein erster Wagen aus dem Hause Rolls-Royce / Bentley, den ich jemals gefahren hatte, war ein Bentley R-Type. Danach waren es ab und zu Klassiker, die ich mir für Fotozwecke selbst irgendwohin platzieren durfte. Längere Strecken hatte ich bislang aber nur mit Neufahrzeugen zurückgelegt. Somit war die Freude und Spannung auf das, was mich erwartete, besonders groß.

Aus der Erinnerung wusste ich, dass sich der Bentley R-Type mit Automatikgetriebe sehr unproblematisch fahren ließ. Diese Erfahrung hatte ich selbst einmal mit einem Rolls-Royce 25/30 gemacht. Bis zum heutigen Tag ist es für Rolls-Royce wichtig, dass der Kunde solch einen Wagen als möglichst einfach zu bedienen erlebt. Er soll sich nach kurzer Erläuterung sofort zurecht finden und das Fahren genießen können. Den hohen Komfort und Luxus der Neufahrzeuge im Kopf, war ich nun gespannt, wie anstrengend sich im Vergleich solch ein Oldie auf längerer Strecke fährt.

Doch zuvor kurz zum hier gezeigten Fahrzeug selbst und ein wenig Historie:

Bentley Mk VI
Bentley Mk VI
Rolls-Royce Silver Dawn (short boot)
Rolls-Royce Silver Dawn (short boot)
Rolls-Royce Silver Dawn und Bentley R-Type
Rolls-Royce Silver Dawn und Bentley R-Type

Der Rolls-Royce Silver Dawn, eingeführt 1949, war die Rolls-Royce Variante des seit 1946 angebotenen Bentley MK VI. Der Silver Dawn war zunächst ausschließlich für den Export bestimmt, da im Ausland der Name Rolls-Royce wesentlich werbewirksamer war als Bentley. Daher wurde ein Großteil der 761 bis 1955 gefertigten Silver Dawns mit Linkslenkung ausgeliefert. Im Gegensatz zu seinem größeren Bruder, dem Silver Wraith, war der Silver Dawn der erste Rolls-Royce, der komplett mit fertiger Karosserie angeboten wurde. Den Silver Wraith jedoch erwarb man nach wie vor, wie es bei Rolls-Royce vor dem Krieg auch üblich gewesen war, als reines Chassis und ließ ihn beim Karossier seines Vertrauens nach eigenen Wünschen einkleiden.

Die Standardkarosserie des Silver Dawn entsprach im Wesentlichen der des Bentley MK VI bzw. nach Verlängerung des Hecks ab 1952 dem Bentley R-Type Standard Steel Saloon. Selbstverständlich ließ sich der Silver Dawn auch als bloßes Chassis zum Anfertigen einer Sonderkarosserie ordern. 64 Kunden bevorzugten diese Vorgehensweise.

Der Reihensechszylinder ist eine außergewöhnlich zuverlässige Konstruktion. (Foto: Thilo Preller)
Rolls-Royce Silver Dawn

Technisch entsprach der Silver Dawn dem großen Silver Wraith und wurde ebenfalls von dem extrem laufruhigen 4.257 ccm Reihen-Sechszylinder, dessen Hubraum 1951 auf 4.566 angehoben worden war, angetrieben. Dieser Motor war eine hervorragend robuste und zuverlässige Konstruktion. Er war derart zuverlässig, dass nachweislich Laufleistungen weit jenseits von 500.000 km damit möglich waren!

Auch im Silver Dawn bzw. Bentley R-Type herrscht gemütliche Clubatmosphäre.
Rolls-Royce Silver Dawn
Der Fahrerplatz: ein Armaturenbrett ganz aus Wurzelholz, ein riesiges Lenkrad und sehr bequeme Sitze
Rolls-Royce Silver Dawn

In Sachen Ausstattung ließ der Silver Dawn, auch im Vergleich zu den meisten Sonderkarosserien, fast keine Wünsche offen und das zu einem wesentlich günstigeren Preis. Er war zwar etwas kleiner als der Silver Wraith, aber genauso gediegen gefertigt und bot alles, was ein Rolls-Royce zur damaligen Zeit bieten musste: englische Clubatmosphäre mit viel Walnussholz, sehr bequeme Sessel aus handvernähtem Leder, Picknicktische und Fußstützen hinten. Aber auch Innovatives gab es im Silver Dawn: eine heizbare Heckscheibe mit feinsten Heizdrähten oder ab 1952 wahlweise und ab 1953 serienmäßig eine Viergang-Automatik.

Dank der für einen Rolls-Royce recht kompakten Außenmaße war der Silver Dawn, im Gegensatz zum Silver Wraith, ein Wagen für den Selbstfahrer, der aber auch, dank des Platzes und hohen Komforts hinten, durchaus als Wagen für Chauffeurbetrieb geeignet war.

Das hier vorgestellte Fahrzeug mit der Fahrgestellnummer LSNF99 wurde am 19. Dezember 1953 an den amerikanischen Rolls-Royce Importeur J.S. Inskip Inc. In New York ausgeliefert. Ab dem 16. Januar 1954 diente der Wagen dann Mr. M. Mir Khan von der Pakistanischen Botschaft in Washington D.C. als repräsentatives Fortbewegungsmittel.

Rolls-Royce Silver Dawn, Chassis LSNF99 - so sah der Wagen auch schon im Jahr 1953 bei seiner Auslieferung aus.
Rolls-Royce Silver Dawn
Eine Besonderheit an LSNF99 sind die wuchtigen Stoßstangen,...
Rolls-Royce Silver Dawn
...wie man sie von späteren Fahrzeugen des Bentley R-Type Continental kennt (Foto: Bentley Motors)
Bentley R Continental

Optisch zeigt sich der Wagen heute noch so, wie er geliefert wurde, mit schwarzer Karosserie, beigem Leder innen, Weißwandreifen und besonders wuchtigen Stoßstangen. Diese entsprechen nämlich von der Bauart her jenen des Bentley R Continental und sitzen beim Silver Dawn um einiges höher als bei solchen Wagen mit den kleineren Stoßstangen und zierlichen Stoßhörnern, wie man sie sonst an diesem Fahrzeugtyp kennt.

Im Laufe der Jahre hat LSNF99 freilich eine sympathische Patina angesetzt. Auch gibt es bei diesem sehr gepflegten Wagen noch jede Menge zu tun, bis der Wagen den Zustand 1 erreicht hat, aber der Allgemeinzustand ist so gut, dass man täglich viel Freude mit ihm haben kann, denn technisch machte er einen sehr guten Eindruck. Der Motor lief ordentlich und die neu gemachten Bremsen waren dem schweren Wagen auf den Passstraßen durchaus gewachsen.

Und wie fährt er sich nun? Unglaublich schön und entspannend! Aber von vorn.

Alle startklar - rechts naht ein weiterer Silver Dawn.

Tatsächlich war nur eine kurze Einweisung notwendig, um den Wagen fahren zu können. Einige Mitglieder, die selbst mit einem R-Type oder Silver Dawn angereist waren bzw. selbst einmal einen besessen hatten, waren sehr hilfsbereit und willig, alle Fragen zu beantworten. Dank der übersichtlichen Karosserie kam ich gut aus der Tiefgarage und reihte mich ein, um oben noch ein paar Bedienungstipps einzuholen. Vor der Abfahrt lernte ich noch meine charmante Beifahrerin kennen, die mir zur Seite gesetzt wurde, um mich unterwegs beim Lesen des Roadbooks zu unterstützen. In Kolonne ging es dann erst einmal zum Mercedes-Benz-Museum.

Leider spielte das Wetter noch nicht so ganz mit, denn es nieselte. Die kleinen Scheibenwischer taten ihr Bestes. Trotz ihrer niedlichen Dimensionen waren sie aber durchaus wirksam. Schon nach den ersten Metern zeigte auch der Silver Dawn die Qualitäten, die so charakteristisch sind für jeden Rolls-Royce bis zum heutigen Tag: selbst im Stadtverkehr fährt man gelassen und entspannt – sofern es nur geradeaus geht. Beim Spurwechsel wird es da schon etwas schwieriger, und der Fahrer sollte sich mehr auf seinen Innenspiegel verlassen. Ein guter Beifahrer ist dabei auch sehr hilfreich, denn die beiden Außenspiegel an den Kotflügeln verstellen sich durch die Erschütterungen beim Fahren ständig nach unten. Und nach einem Spur- bzw. Richtungswechsel darf man bei solch einem alten Wagen nicht vergessen, den Blinker wieder auszuschalten.

Die Ruhe selbst: ein Rolls-Royce Silver Dawn in lieblicher Schwabenlandschaft

Nach dem Museumsbesuch begann nun die große, kurvenreiche Überlandfahrt zum Kloster Lorch durch malerische Dörfer mit frisch gefegten Bordsteinkanten, blühenden Wiesen und Bäumen, über Passstraßen und Hochebenen mit fantastischen Ausblicken. Höhepunkt war ein Fotostopp, an dem alle Teilnehmer vor grandioser Landschaft hintereinander zum Halten kamen. Ein Ereignis, das es nicht bei jedem Clubtreffen gibt und das ich nicht verpassen wollte.

Das Design des Silver Dawn ist elegant aber auch schlicht und unnaufdringlich.
Rolls-Royce Silver Dawn

Unterwegs im Silver Dawn jedoch erlebten wir eine Art innere Wandlung. Ruhe und Gelassenheit machten sich breit. Nicht der Fotohalt oder Kloster Lorch, sondern der Weg dorthin war unser Ziel. Dass wir uns unterwegs einmal verfahren hatten, ließ uns relativ unberührt. Irgendwo machten wir dann unsere eigene Fotopause und genossen die weitere Fahrt. Der Silver Dawn versetzte uns immer wieder ins Staunen, welch hoher Komfort dieses Auto auch unter modernen Gesichtspunkten bietet und welch souveränes Reisen damit noch heute möglich ist. Zu seiner Zeit muss der Silver Dawn eine Sensation gewesen sein.

Hier ein paar Punkte, die mich besonders beeindruckten und die umso erstaunlicher sind, weil sie mitunter noch heute Besonderheiten darstellen, die es nur bei Rolls-Royce gibt:

- Der Wagen ist angenehm leise. Es gibt kaum Windgeräusche, sodass man sich stets in normaler Lautstärke unterhalten kann.

- Man erlebt ein schwebendes Fahrgefühl, das besonders die hinteren Passagiere verspüren. In Goodwood nennt man das heute „Waftability“ und ist ein wichtiges Verkaufsargument.

- Der laufruhige Motor ist kräftig, mit gutem Drehmoment „aus dem Keller“. Auf Passstraßen ist es dennoch praktisch, dass man die Gänge selbst vorwählen kann. Gewöhnlich schaltet das Getriebe an einer Steigung schön zurück, wenn man das Gaspedal durchtritt. Geschieht das nicht schnell genug, schaltet man einfach selbst zurück. Umgekehrt bietet diese Art der Schaltmöglichkeit auch eine hervorragende Motorbremse, sollte es steil bergab gehen.

- Überhaupt ist das 4-Ganggetriebe hervorragend abgestimmt. Da ruckelt beim Schalten nichts. Schaltvorgänge sind fast nicht spürbar. Sensationell!

- Die Bremsen waren erstaunlich standfest. Da hatte ich schon Anderes erlebt und bin in ein tiefes Loch gestiegen. Aber auch wenn die Bremsen bei diesem Wagen sehr gut waren, sei allen Besitzern von neueren Wagen gesagt, dass man, wenn man mal in den Genuss eines solchen Oldtimers kommt, viel vorausschauender fahren muss und den Sicherheitsabstand zum Vordermann beträchtlich vergrößern muss!

- Der Silver Dawn besitzt noch keine Servolenkung. Dank des großen Lenkrades ist der Wagen aber gut zu rangieren und nicht zu schwergängig zu steuern. Beim Fahren wirkt die Lenkung, im Gegensatz zu servounterstützten Lenkungen etwas „teigig“. Sie fühlt sich dennoch angenehm an. Außerdem hat der Wagen einen sehr schönen Geradeauslauf, den man nur sehr selten korrigieren muss.

Blick über die wohlgeformte Motorhaube auf...
Rolls-Royce Silver Dawn
...die beim Silver Dawn serienmäßige knieende Kühlerfigur.
Rolls-Royce Silver Dawn

Eine ganz spezielle und erstaunliche Erfahrung war aber der Beruhigungseffekt, den man während der Fahrt mit dem Silver Dawn erlebt. Die Hektik schwindet, der Pulsschlag sinkt. Ein gemütliches Dahingleiten lässt einen Zeit und Raum vergessen. Man entdeckt wieder die Vorzüge der Langsamkeit - Blumenpflücken ist während der Fahrt erlaubt - und dies auf einem Komfortniveau, das seinesgleichen sucht. Die erhöhte Sitzposition auf Sesseln, die so unbeschreiblich bequem und langstreckentauglich sind, dass man sich gar nicht mehr von ihnen erheben möchte, der Panoramablick über die wunderschöne Motorhaube auf die stolz auf dem hohen Kühlergrill kniende Spirit of Ecstasy lassen für Fahrer und Mitfahrer das Reisen in diesem Fahrzeug zu einem unvergesslichen Erlebnis werden. So atemberaubend die neuen Wagen aus Goodwood sind – sie erlauben ebenso entspanntes Fahren bei höchsten Geschwindigkeiten, bieten Kraft ohne Ende und eine unbeschreibliche Ruhe -, umso mehr erstaunt der Silver Dawn im Vergleich damit, welch hohes Qualitätsniveau Rolls-Royce bereits vor über 60 Jahren erreicht hatte.

Am Kühlergrill kann man den Silver Dawn vom Silver Wraith unterscheiden. Der Silver Dawn besitzt wesentlich mehr Kühlerlamellen, die sich zudem nicht verstellen lassen.
Rolls-Royce Silver Dawn

Zu seiner Zeit war der Silver Dawn ein sehr schnelles Fahrzeug (ein damaliger Test hatte einst eine Höchstgeschwindigkeit von ca. 150 km/h gemessen). Wer ihn sich leisten konnte, bekam bestimmt den besten Reisewagen der Welt.

Diese Qualität hat sich der Silver Dawn auch als Oldtimer bewahrt. Er ist ein Klassiker, mit dem man, sofern er gut gepflegt ist, heute noch das tun kann, wofür er eigentlich gedacht war: mühelos, entspannt und ermüdungsfrei weite Strecken zurücklegen. Mit seinem Automatikgetriebe ist er ein Oldtimer mit dem Charme eines Vorkriegswagens, kombiniert mit fortschrittlicher Technik, die das Fahren so angenehm macht wie mit einem modernen Wagen. Und mit seinem großen Kofferraum (ab 1952) ist er nach wie vor der ideale Wagen für eine große Urlaubsfahrt mit der ganzen Familie.

Der Rolls-Royce Silver Dawn und sein Pendant, der Bentley R-Type, ist ein höchst komfortabler Klassiker mit nach wie vor herausragenden Alltagsqualitäten.
Rolls-Royce Silver Dawn

Zum Schluss möchte ich dem Organisator des Clubtreffens dafür danken, dass er sich darum bemühte, mir diesen wunderbaren Wagen zu besorgen. Ein ganz besonderer Dank gehört natürlich dem Besitzer des Fahrzeugs, der mir so viel Vertrauen schenkte und mich unbekannterweise mit seinem Schmuckstück fahren ließ, nicht zu vergessen meine nette Beifahrerin, die mir auch als Fotoassistentin sehr behilflich war.

 

Text: Michael Ehrhardt

Fotos: Michael Ehrhardt, Thilo Preller, Steenbuck-AutomobilesBentley Motors

 

 

 

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20.03.2017: 

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