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Der Sylt-Rolls-Royce

Rolls-Royce Silver Cloud II long wheelbase (lwb) Saloon, Chassis LLCB95

Diejenigen, die schon einmal auf der Insel Sylt waren, haben ihn vielleicht schon einmal vor einem der vielen besuchenswerten Restaurants der Insel stehen sehen oder einem frisch vermählten Brautpaar zugewunken, das in diesem hier vorgestellten Rolls-Royce stilvoll zum Standesamt oder zur Kirche chauffiert wurde.

Die Straßen von Sylt werden im Vergleich zu anderen Gegenden Deutschlands öfters von Fahrzeugen der Marke Rolls-Royce befahren, allerdings mehr von solchen neuerer Baujahre. Und somit ist dieses Exemplar selbst für Sylt eine echte Rarität. Aber nicht nur für Sylt, denn dieser Rolls-Royce Silver Cloud II ist generell einer der seltenen Wagen dieses Typs mit langem Radstand.

Kennzeichen für den gestreckten Cloud: das dritte Seitenfenster
Zum Vergleich: ein Rolls-Royce Phantom VI

Auf den ersten flüchtigen Blick meint man einen großen Phantom V oder Phantom VI vor sich zu haben, da für diese das dritte Seitenfenster charakteristisch war. Allerdings waren letztere riesige siebensitzige Limousinen, während der Silver Cloud doch merklich kleiner ist und nur Platz für fünf Personen hat.

Der Rolls-Royce Silver Cloud, erstmals vorgestellt 1955 mit einem 4,9 Liter Sechszylinder Reihenmotor, gehört den kleineren Rolls-Royce-Typen an und war in dieser Reihe das letzte Modell alter Automobilbauschule, mit einem schweren Kreuzrahmenchassis und darauf aufgesetzter Karosserie. Die Nachfolger waren alle selbsttragend und hießen Silver Shadow, Silver Spirit, Silver Seraph und Ghost.

Ab 1959 wurde der Silver Cloud zum Achtzylinder „befördert“ und Silver Cloud II genannt. Ab 1963 erhielt das Modell die berühmten Doppelscheinwerfer und wurde so als Silver Cloud III bis zur Ablösung durch den Silver Shadow im Jahre 1966 gefertigt. Die entsprechenden Bentley-Modelle hießen übrigens S1, S2 und S3.

Wie schon der Vorgänger, der Rolls-Royce Silver Dawn, wurde auch der Silver Cloud bereits ab Werk mit einer Karosserie versehen. Nach alter Tradition konnte aber auch nur das Chassis allein geordert und anschließend von einem der noch vorhandenen namhaften Karosseriebetriebe wie Hooper, James Young, Freestone & Webb, H.J. Mulliner oder Park Ward eingekleidet werden.

Bei diesem Bild aus der Produktion bei Park Ward lassen sich sehr gut die umfangreichen Umbauamaßnahmen am hinteren Teil eines Rolls-Royce Silver Clouds erkennen. (Foto: Davide Bassoli, RREC)
Rolls-Royce Silver Cloud II Standard Saloon im Vergleich...
...mit einem Silver Cloud III "special long wheelbase" ohne drittes Seitenfenster...
...und der häufigsten Variante des Silver Cloud long wheelbase.

Park Ward gehörte seit 1939 zu Rolls-Royce und zeichnete verantwortlich für das Design und die Produktion des Rolls-Royce Silver Cloud bzw. Bentley S mit langem Radstand, wie er hier gezeigt wird und ab 1957 zu haben war. Nachdem im Jahr 1959 H.J. Mulliner von Rolls-Royce übernommen worden war und mit Park Ward zu H.J. Mulliner, Park Ward verschmolzen, wurden dort die langen Clouds nach dem ursprünglichen Design von Park Ward gefertigt.

Dabei wurde eine Standardkarosserie hinter den vorderen Türen abgeschnitten, der Bodenbereich für den hinteren Fahrgastbereich um 10 cm verlängert und die Karosserie bis auf Kofferraum, Dachabschluss und die hinteren Kotflügel völlig neu angefertigt, denn der Wagen bekam längere Türen für bequemeren Einstieg und eben das dritte Seitenfenster. Das ermöglichte natürlich freien Einblick auf die hinteren Passagiere. Daher gab es auch eine Variante, die äußerlich genau der Standardausführung entsprach und nur bei genauem Hinsehen an den verlängerten hinteren Türen erkennbar war. Diese Version ist extrem selten und fand erst im Jahr 2009  in internen Club-Publikationen des RREC und RROC genauere Erwähnung.

Das gab es nur 63 mal: Rolls-Royce Silver Cloud II long wheelbase ohne Trennwand

Der Silver Cloud II aus Sylt entspricht der normalerweise anzutreffenden Ausführung des langen Cloud mit drittem Seitenfenster - bis auf eine Kleinigkeit: er besitzt keine Chauffeurtrennwand wie die meisten Wagen dieser Bauart, denn von 258 Rolls-Royce Silver Cloud II long wheelbase – so die komplette Bezeichnung – wurden nur 63 Stück ohne Trennwand ausgeliefert!

LLCB95 im Jahr 1988 beim Frühjahrstreffen des RREC in Ruhpolding (Bayern)

LLCB95, so seine Chassisnummer, wurde ursprünglich im Jahr 1961 nach Los Angeles geliefert und besaß als Sonderausstattung elektrische Fensterheber und Klimaanlage. Die Farbkombination Steel Blue außen und Blue/Grey für die Lederfarbe dürfte auch dem heutigen Erscheinungsbild entsprechen. Später kam der Wagen dann nach Deutschland und gehörte einem RREC-Mitglied in Berlin, bevor er über einen Händler für klassische Automobile aus Hamburg im Jahr 2000 zum heutigen Besitzer kam, dem Dorint Söl´ring Hof in Rantum auf Sylt, das auch seit jenem Jahr vom einzigen 2 Sterne-Koch der Insel, Johannes King, geführt wird.

Hier ist unser Silver Cloud II long wheelbase heute zu hause: im Dorint Söl'ring Hof in Rantum auf Sylt.

Der Wagen dient Hotelgästen als besonderes Fortbewegungmittel, kann aber auch von jedermann gemietet werden. Er wird ausschließlich von einem Chauffeur gefahren und auch von diesem liebevoll gepflegt. Eine charmante Patina innen und außen soll den Wagen als gepflegten Oldtimer präsentieren. Technisch befindet sich der Wagen in einem sehr guten Zustand, mit einem unglaublich leisen 6,2 Liter V8-Motor. Im Vergleich zu den neuesten Rolls-Royce Phantom und Ghost fällt auf, wie hoch das Komfortniveau beim Silver Cloud long wheelbase zur damaligen Zeit schon war, denn das, was heute als „Waftability“ bezeichnet wird, gab es damals auch schon: das geräuschlose Schweben über alle Bodenunebenheiten.

Daher ist es wirklich ein unvergessliches Erlebnis, mit diesem Wagen bei tadelloser Rundumsicht zwischen Dünen und reetgedeckten Häusern die Insel zu erkunden oder auch nur stilvoll zum Abendessen gefahren zu werden. Aber das ist nur ein Grund, weshalb man wenigstens einmal seinen Urlaub auf Sylt verbringen sollte.

Eine kleine Bildergalerie:

LLCB95 von vorne
LLCB95 von hinten
Das Armaturenbrett - eine Augenweide
Die großen Türen bieten sehr bequemen Einstieg.
Auf der Straße von Hörnum...
...geht es zurück nach Rantum.
LLCB95 als schmucker Hochzeitswagen.
Der Innenraum ist festlich mit Rosen geschmückt...
...und Lady Emily trägt dem Anlass entsprechend ihr schönstes Kleid.

 

Text & Fotos:  Michael Ehrhardt

 

 

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