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Rolls-Royce Phantom Coupé - For Gentlemen only…

Rolls-Royce Phantom Coupé

An jeder Straßenecke erntet der Testredakteur verrenkte Hälse, ausgestreckte Zeigefinger und offene Münder. Junge Burschen zeigen emporgereckte Daumen, weibliche Grazien signalisieren unverhohlen Sympathie, und der Pilot eines Ferrari ruft es durchs geöffnete Fenster: „Spitze!“ Doch nicht ich bin Adressat des positiven Echos, sondern mein fahrbarer Untersatz. Die Rede ist vom Phantom Coupé, dem sportlichsten Spross derer zu Goodwood…

Body & Soul

Die Front entspricht der des Drophead Coupés.
Rolls-Royce Phantom Coupé
Die Seitenansicht zeigt eine kräftig-sportliche Note.
Rolls-Royce Phantom Coupé

Gestalterisch orientiert sich das 5,61 Meter lange Gefährt weitgehend am Cabriolet, dem „Drophead Coupé“. Mit ihm teilt es den verkürzten Radstand, die komplette Fahrzeugfront und auch die vorderen Aluminiumkotflügel, die übrigens im innovativen „Superforming-Verfahren“ entstehen. Dabei wird zunächst das zu verarbeitende Aluminium auf eine Form aufgelegt und schmiegt sich dann quasi an diese an.

Den Unterschied zum Cabrio macht erst die Seitenansicht deutlich: Der hintere Dachholm, der selbst am Übergang zur Gürtellinie ohne jeden Zierrat auskommt, unterstreicht in seiner schnörkellosen wie großzügigen Zeichnung die asketisch sportliche Gesamterscheinung des Briten. Einen Hinweis verdient das Heck, welches mit zwei chromumrandeten Auspuffrohren prahlt. Im Cabriolet sind diese Attitüden verpönt. Schade eigentlich.

Im Kern basiert das Schmuckstück auf dem bekannten Alu Spaceframe, der im Coupé konzeptbedingt für besonders hohe Verwindungssteifheit sorgt. Für seine Fertigung müssen Schweißnähte an 2.728 Orten und in einer Länge von über 130 Metern gesetzt werden. Über 200 Aluminiumkomponenten, die auf diese Weise kassettenförmig zusammengefügt werden, sorgen für breite Streuung der Aufprallenergie im Falle einer Kollision. Einen weiteren Beitrag zur Sicherheit bilden Rahmen-Sensoren, welche die Energien eines Aufpralls in bis zu 4.000 Rechenschritten pro Sekunde analysieren und entsprechende Sicherheitssysteme aktivieren und regeln. 

Dynamik pur

Mit dem Phantom Coupé lässt es sich natürlich auch auf höchstem Niveau cruisen.
Rolls-Royce Phantom Coupé

Zeit, sich mit den realen Tugenden des flotten Grand Tourers vertraut zu machen. Unser Kamerawagen ist längst im Rückspiegel verschwunden, als wir uns der „S“-Taste im Lenkrad erinnern. Sie steht synonym für veränderte Schaltzeiten des Sechsgang-Automatikgetriebes. Nur im sportiven Coupé bietet Rolls-Royce Motor Cars dieses Feature an. Im Ergebnis werden die Gänge höher ausgedreht, was wiederum einem noch spritzigeren Fahrverhalten zuträglich ist. Stets pendelt die Drehzahl des 6,75 Liter V12 Direkteinspritzers in oberen Regionen und fällt auch bei zwischenzeitlicher Gaswegnahme kaum zurück, sodass bei erneutem Gasgeben sofort wieder hohes Drehmoment für beeindruckende Sprints anliegt.

Noch nie war ein Rolls-Royce derart dynamisch. Da machen Kurven richtig Spaß!
Rolls-Royce Phantom Coupé

Auf Landstraße zeigt das Coupé seine wahren Qualitäten: Erzielbar sind Kurvengeschwindigkeiten, die mit Fahrzeugen aus Goodwood bisher nicht in Verbindung gebracht werden konnten. Bemerkenswert die hohe Präzision, mit welcher die Reifen den Lenkbewegungen folgen, sowie die geringen Wankbewegungen bei plötzlichem Richtungswechsel. Selbst leichtes Übersteuern bei Nässe ist schnell korrigiert, schlechten Grip kennt das Coupé nicht. Eine mehr Feedback gebende Lenkung (und ein etwas dickeres Lenkrad) runden das Gefühl stets sicheren Handlings ab. Nur in zu schnell gefahrenen, engen Kurven bettelt der schwarze Riese schmirgelnd um Gnade. Die Raffinesse, mit welcher hier Fahrwerkstuning im Detail betrieben wurde, ist vorbildlich und läuft nicht mehr unter „kleinen Optimierungen“. Vielmehr ist die phantastische Straßenlage das Ergebnis wohlüberlegter Detailverbesserungen für ein grundlegend dynamischeres Fahrverhalten ohne jede Abstriche im Komfort. Dass auch Helferlein wie die „dynamische Stabilitätskontrolle“ (DSC), ein „dynamisches Bremskontrollsystem“ (DBC) und ein „Kurven-Brems-System“ (CBC) verbaut sind, sei erwähnt. Spüren kann man davon nichts. Der „elektronische Sicherheitsdienst“ arbeitet vielmehr unauffällig, dafür umso effizienter.

Speed

Die häufigste Ansicht des Phantom Coupés: das Heck.
Rolls-Royce Phantom Coupé

Leistungsdaten waren lange Zeit kein Thema bei Rolls-Royce. Zumindest kein offizielles. Doch die Zeiten ändern sich. PS-Zahl, Drehmoment und Höchstgeschwindigkeit zählen im Autoquartett der immer jünger werdenden, selbstfahrenden Käufer mehr denn je. Und genau jene soll das Coupé in Versuchung führen. Ein Quantum schneller darf er sein, begrenzt erst bei 250 statt bei 240 km/h – eben ein Sportler auf leisen Sohlen. Für die Autobahn bleibt die „S“-Taste gedrückt und sorgt bereits in der Auffahrt für einen eindrücklichen Kickdown-Sprint: Wie vom Gummiband gezogen arbeitet sich der 2,6 Tonner in 5,6 Sekunden auf 100 km/h. Nach weiteren rund 9 Sekunden sind 160 km/h erreicht. Kein wirklich signifikanter Unterschied zur Phantom Limousine. Umso größer der Abstand zum Bentley Brooklands, der die Marke bereits 3,5 Sekunden eher knackt. Ein Manko ist das nicht, zumal die Leistungsentfaltung deutlich kultivierter erfolgt. „Oben herum“ zeigt das Coupé seinen Geschwistern aber doch noch klar die Rücklichter. Denn wo offiziell schon Schluss sein soll, entfesselt der Motor die letzten Reserven und treibt die Nadel des Tachos über die offizielle Höchstgeschwindigkeit hinaus. Selbst in weiten Kurvenradien zerren nun gewaltige Fliehkräfte an der mächtigen Karosse, die Räder ringen um Haftung, halten den rasenden Royce jedoch stoisch auf Kurs. Dann erst, bei 260 km/h, verharrt der Zeiger mangels weiteren Auslaufs, wenig später setzt die Elektronik dem Vortrieb endgültig einen spürbaren Riegel vor.

Ich seh’ den Sternenhimmel...

Es leuchten die Sterne.
Rolls-Royce Phantom Coupé

Womit wir beim Abend und einer genussreichen Fahrt unter funkelnden Sternen wären. Sterne im Coupé? Allerdings! Denn was bei der Vorstellung des Experimentalfahrzeuges 101 EX noch als aufwändiger Messegag galt, ist nun als galaktische Spielerei tatsächlich verfügbar: Ein künstliches Firmament, unsichtbar eingelassen im Dachhimmel des Fahrzeugs, sofern nicht eingeschaltet. Wird jedoch die Klappe der Mittelarmlehne geöffnet, können per Dimmrad rund 1.600 Lichtwellenleiter von sanftem Glimmen bis zu hellem Gleißen geführt werden und den Insassen die Nacht versüßen. Und wo wir schon dabei sind: Die gebürstete Motorhaube/Winschutzscheibenrahmen empfiehlt sich schon aus ästhetischen Erwägungen, genauso wie die 21’ Alufelgen. Eher ein praktisches Muss: das Kamerasystem, welches die Ausfahrt aus unübersichtlichen Hauseinfahrten entdramatisieren dürfte.

Fünfe gerade sein lassen...

Auch im Coupé findet man die Phantom-typische "Lounge-Konfiguration" mit in einem Bogen geführter Rückenlehne.
Rolls-Royce Phantom Coupé

Der Innenraum orientiert sich an jenem des Cabriolets und ist über die meisten Zweifel erhaben. Verarbeitung und Materialauswahl entsprechen höchsten Ansprüchen. Allein die Vordersitze geben Anlass zu wirklicher Kritik. Das Design ihrer Sitzflächen setzt leider auf eine sesselähnliche Ausstrahlung. Kaum Absteppungen und Konturierung, stattdessen eine große, zusammenhängende Lederfläche kennzeichnet die loungeartige Gestaltung. Sie sorgt bereits bei unserem jungen Testwagen für einen erheblichen „Sitzspiegel“. So bezeichnet die Möbelbranche entstehende Sitzmulden. In einem Kraftfahrzeug dieser Preisklasse, noch dazu in einem sportiven Wagen wie dem Phantom Coupé, wirken sie deplatziert.

Sehr positiv hingegen das Platzangebot, welches im Ausnahmefall bis zu 5 Personen Mitnahme garantiert. Ausgelegt ist das Coupé jedoch für vier Personen, die fürstliche Platzverhältnisse vorfinden.  Lediglich der Zustieg zur Rückbank verlangt etwas Geduld, da die schweren Rückenlehnen der Vordersitze halbautomatisch betätigt werden wollen und sich die Servomotoren in stetem Bummelstreik befinden. 

Wenige Worte noch zum zweigeteilten Kofferraum. Dank des nicht vorhandenen Verdecks offeriert er mehr Platz, als das Cabriolet. Wenn da nur nicht die mangelhafte Verschlussmöglichkeit der Kofferraumdeckel zu Punktabzug führte. Sind nämlich Wertpapierbündel und Renoirs verstaut, führt kein Weg am umständlichen, manuellen Verschluss der beiden Klappen vorbei. Es fehlen die Griffe, und auch eine elektrische Zuziehhilfe sucht man vergebens. Die inakzeptable Folge sind verschmutze Finger, ganz abgesehen von der geringen Eleganz, die den peinlichen Vorgang begleitet.

Conclusio

Rolls-Royce Phantom Coupé

Noch nie wirkte ein Rolls-Royce so fahrerorientiert, sportiv und elegant zugleich. Das Coupé vereint Tugenden der Marke in bisher unbekannter Weise. Dabei trüben die kleinen Macken des Traumwagens unser Gesamtergebnis nur unwesentlich. Für den Connaisseur der Marke steht daher fest:  Das Coupé hat das Rüstzeug zum Meilenstein in der jüngeren Rolls-Royce Geschichte. Unsere Gratulation nach Goodwood!

 

Technische Daten:

Fahrzeuglänge: 5609 mm, Wendekreis: 13,1 m, Kofferraumvolumen (DIN): 395 ltr, Tankinhalt: 100 l , Gewicht leer: 2590 kg, Zulässiges Gesamtgewicht: 3050 kg, Zuladung: 460 kg.

Verbrauch:  
Städtisch: 23,2 l/100 km, Überland: 11,3 l/100 km, Kombiniert: 15,7 l/100 km
CO2-Emissionen: 377 g / km

 

Text & Fotos:  Ulrich J. Lehmann und Christoph Charitou (nur Fotos)

 

 

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18.09.2017: 

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