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Gefahren und verglichen: Bentley Continental GT und GTC als W12 und V8

Anhaltend schnell dreht sich das Neuheiten-Karussell bei Bentley. Nun erweiterte Crewe das Motorenangebot innerhalb der runderneuerten Continental-Familie: Zum eloquenten W12 gesellt sich ein drehfreudiger V8.

Bentley Continental GTC W12
Bentley Continental GT V8

Continentales Wachstum

Bentley Motors gibt Gas. Nach achtjähriger Bauzeit verpasste Crewe im vergangenen Jahr zunächst dem GT Coupé sowie dem GTC Cabriolet eine Frischzellenkur. Ein aktualisierter Look separierte seither die Powerseller gut sichtbar von ihren Vorgänger. Damit nicht genug, offeriert Bentley die beiden Zweitürer jetzt auch mit unterschiedlichen Motoren: der bekannten, sanft überarbeiteten Version des standfesten 6-Liter W12 sowie einem neuen 4-Liter V8, der "in Verbindung mit einem innovativen 8-Gangautomaten den Begriff der Sportlichkeit bei Bentley neu definiert" - meint zumindest Bentley im Pressetext. Oha? Ein deutlich kleinerer Motor soll geeignet sein, aus tonnenschweren Stahlkolossen sprintstarke Sportler zu machen? Da scheinen Zweifel angebracht.

Offener Zwölfender für die Adria, September 2011

Bentley Continental GTC in Istrien

Die Sonne über Istrien meint es mit der Kvarner Bucht in diesen Tagen besonders gut. Ihre milden Strahlen wärmen reizvolle Orte wie das mondäne Opatia oder das Seebad Lavran. Verbunden werden die malerischen Küstenstädtchen durch eine gewundene Landstraße, die sich am östlichen Steilufer entlang schlängelt und fortwährend atemberaubende Panoramen auf die stahlblaue Adria gewährt. Eine Straße also, die das Herz eines jeden Cabriofahrers höher schlagen lässt, zumal wenn er mit einem Cabrio gesegnet ist, das mit der Schönheit dieser Strecke zu konkurrieren vermag.

Der W12-Motor des GTC ist sehr kraftvoll und ebenso kultiviert.

Der neue Bentley Continental GTC mit auf 575 PS erstarktem W12 Motor ist so ein Kandidat. Flüsterleise zirkelt der Nachfolger des im Jahr 2006 eingeführten Cabriolets um die Kehren und schöpft dabei nicht ansatzweise die Kraftreserven aus, die ihm innewohnen. Nur gelegentlich streichelt der rechte Fuß in Kenntnis des Leistungsvermögens das sensible Gaspedal, um beim Fahrer kurzzeitig für breites Grinsen zu sorgen und nachfolgende Drängler binnen Sekunden im Rückspiegel verschwinden zu lassen.

Bei genauerem Hinsehen sind die optischen Änderungen...
Bentley Continental GTC
...zum Vorgänger größer als oberflächlich betrachtet.
Bentley Continental GTC

Wer die erste Generation der zweitürigen Contis gut in Erinnerung hat, dem fällt die Modulation, die Exterior Designer wie Viti Enns den beiden Neulingen verpassten, rasch auf. Prägnant sticht die Front ins Auge, die mit den kleineren Außen- sowie den größeren Innenscheinwerfer die augenscheinlichste Veränderung kommuniziert. Gestalterisch folgt sie einer neuen, selbstbewussteren und nicht unumstrittenen Designsprache, die vom aktuellen Mulsanne angestoßen wurde. Deutlich markanter als bisher lässt den neuen GTC und sein geschlossenes Brüderchen, den GT, auch sein aufrechter stehender Matrixgrill auftreten. In Verbindung mit massiv vergrößerten, ebenfalls von einer Chrommatrix gezierten Lufteinlässen kommuniziert die neue Fahrzeugfront vor allem Mut zur eleganten Evolution. Kaum verändert geben sich auf den ersten Blick die Flanken - dabei spendierten diesen die Blech-Couturiers verlängerte Türen. Das erleichtert den Zustieg auf die Rücksitze. Schnörkellos das Heck: Die niedrigeren und dafür breiteren Rücklichter sorgen in Verbindung mit dem optisch reduzierten Prallkörper für einen "cleaneren" Look. Für die nötigte Dramatik bügelte Bentley zur Abrundung eine kecke Falte in den Hüftschwung des kräftig ausgestellten Kotflügels. Sie zieht sich bis zur Unterkante der Karosserie - ein Kunstgriff, der dem properen Hintern des GTC Kontur verleiht.

Stolz verkündet ein Schild, das sich an jedem Bentley befindet, dass dieses Automobil handgefertigt ist.
Bentley Continental GTC

Die nach wie vor von Hand gefertigte Fahrgastzelle präsentiert sich geräumiger als im Vorgänger. Serienmäßig sind 17 Soft-Touch-Lederfarben mit sechs Zweiton-Kombinationen erhältlich. Die in sieben Arten erhältliche Holzvertäfelung antwortet bei skeptischem Klopfen noch immer mit sattem Ton, der Chromrat wirkt massiv wie gehabt und das Leder stabil wie in alten Zeiten. Dennoch verströmt der Innenraum dank filigranerer Möblierung eine größere Leichtigkeit als noch der Vorgänger. Das jedoch ohne an schwelgerischer Opulenz einzubüßen. Zusätzliche Ablagefächer erhöhen die Alltagstauglichkeit ebenso wie die gänzlich neue, automatische Gurtführung, eine effiziente Nackenheizung fürs Cruisen bei frischen Temperaturen (nur GTC), Akustikglas und zusätzliche schalldämmende Bleche im Unterbodenbereich.

Wir geben unserem Testwagen die Sporen.
Bentley Continental GTC

Das Abendessen wartet, und wir sind spät dran. Ein guter Grund, den prestigeträchtigen "Zwölfer" von der Leine zu lassen. Erster Eindruck: Der GT mit Topmotorisierung kommt dank seines neuen 6-Gang Schnellschaltgetriebes deutlich flinker in die Puschen als noch sein Vorgänger. Gerade bei Überholmanövern ist das ein Sicherheitsgewinn. Damit nicht genug lässt sich die Kraftentfaltung des Bi-Turbos über das Gaspedal besser dosieren. Was Sinn macht, schließlich verfügt Bentleys bewährter Allradantrieb nun über eine Kraftverteilung von 40:60 zugunsten der Hinterachse (früher 50:50).

Pässe lassen sich nun dank geänderter Gewichtsverteilung noch besser bewältigen.
Bentley Continental GTC

Das wiederum reduziert bei forcierter Kurvenhatz nicht nur das Untersteuern des kopflastigen Riesen, sondern ermöglicht erfahrenen Fahrern in Verbindung mit einer neu abgestimmten Lenkung auch das deutlich direktere Einlenken. In der Summe gewinnen New GT und New GTC mit W12 Antrieb im Vergleich zu den Vorgängern auch dank der überarbeiteten, computergesteuerten Luftfederung mit Niveaureglung an Agilität, wobei der geschlossene GT mit W12 dank seines bauartbedingten Gewichtsvorteils von immerhin 175 Kilo die Nase spürbar vorn hat. Wer ob der umfassenden Tuningmaßnahmen hofft, auch die Tankstelle seltener ansteuern zu müssen, wird enttäuscht: Die durchschnittlichen Verbrauchswerte liegen mit ca. 16,5 Litern auf dem Niveau der ersten GT-Generation. Später ein wichtiger Aspekt in unserem Vergleichstest.

Sprints werden im W12 übrigens vom Sound einer bekömmlich ausbalancierten Auspuffanlage untermalt, die drehzahl- und lastabhängig einen samtweichen oder einen vollmundigen Klangteppich hinter das Heck der kleinen Yacht wirft. Nur bei forcierter Gangart in Galerien kippt der Ton ins Aggressive und beweist, welche Power dem Insulaner tatsächlich innewohnt. Klarer Fall - dem klassischen GT mit W12 Motor bekommt eine raue Gangart durchaus. Extreme Richtungswechsel und schnell gefahrene Kurven verdaut der trinkfeste Hubraumkönig aufgrund seines hohen Eigengewichts zwangsläufig subobtimal. Zum Ausgleich darf er sich nun mit der sauberen Euro 5 Abgasnorm schmücken.

Navarra und die Macht der Acht

Sportlicher Einstand der GT V8-Reihe auf dem 'Circuito de Navarra'

Ein halbes Jahr später. Über der Schweiz fällt noch der letzte Schnee, als in Nordspanien bereits erste Frühlingsboten die warme Jahreszeit ankündigen. Wir sind zu Gast in der Provinz Navarra, einer der wohlhabendsten Regionen Spaniens. Zwischen westlichen Pyrenäen und oberem Ebrotal gelegen wartet der zu den kleinsten "autonomen Gemeinschaften" Spaniens zählende Landstrich nicht nur mit dem gleichnamigen Weinbaugebiet auf, sondern glänzt seit 2010 auch mit einer formidablen Rennstrecke - dem "Circuito de Navarra". Die Einrichtung geriet so anspruchsvoll, dass auf dem knapp vier Kilometer langen Kurs bereits FIA-GT1-Weltmeisterschaft und Superleague Formula zu Gast waren. Und nun also Bentley Motors, bislang Hersteller äußerst luxuriöser und kraftvoller, nicht aber ausgewiesen sportlicher und gleichsam sparsamer Automobile. Wie bitte - sparsam? Sie haben richtig gelesen...

Die sparsame Alternative zum W12: der neue V8
Bentley Continental GT V8

Warum überhaupt ein kleiner V8 im Hause Bentley? Ganz einfach: Nach Jahren der Stagnation wünscht sich VW von seiner englischen Tochter einen größeren Beitrag zum Konzernergebnis - und genau dazu ist das cool und jungendlich positionierte Einstiegsmodell auserkoren. Immerhin rund 30.000 Franken* günstiger als ihre Pendants mit W12 Motor reichen die optisch und technisch eng verwandten V8-Modelle in ein Preisniveau hinein, welches manch eingefleischten AMG- oder Porsche 911er-Piloten zum Grübeln anstiften soll - und dürfte. Zumal sich der zu übende Verzicht (der V8 beschränkt sich beispielsweise auf eine manuelle Kofferraumklappe und eine verkürzte Mittelkonsole) in Grenzen hält und vielen markenfremden Käufern nicht auffallen oder schlicht egal sein dürfte. Und wer doch mehr Komfort wünscht, findet Teile der W12 Serienausstattung in Ausstattungspaketen wie der Touring Specification. Jeder also, wie er mag. Wer aber nicht mag, spart bares Geld. Eine faire Geste von Bentley - zumal der V8 optisch keinesfalls "günstig" wirkt: Seine akzentuierenden Stilmittel zeigen keinen abgespeckten W12, sondern einen forschen, sportiven, auffälligen Continental, der ganz nebenbei auch noch das Bankkonto schont.

Wie es sich für einen Bentley gehört, geht auch mit dem V8 so richtig die Post ab.
Bentley Continental GT V8
Auch Kurven mag der Bentley Continental GT V8.
Bentley Continental GT V8

Der Circuito de Navarra wartet. Helmpflicht! Ab einer weißen Markierung darf der Fuß das Gaspedal in den Teppich bohren. Brachial schiebt der in Zusammenarbeit mit Audi entwickelte 4-Liter das 2,3 Tonnen schwere Coupé an. Das sind zweihundert Kilo weniger als im kroatischen GTC W12, und das spürt man deutlich - vor allem in den Schikanen. Rasch sortiert ein neuer ZF 8-Speed-Automat die Gänge auf der langen Gerade und nimmt sie an deren Ende wieder klaglos zurück, gerade so, als habe kurzfristig ein Gummiband den Antrieb des röhrenden Hirschen übernommen. Erstaunlich behände navigiert der bis zu 303 km/h schnelle GT V8 (301 km/h GTC V8) um die Hindernisse und muckt auch dann nicht auf, wenn die optionale und auf dieser Rennstrecke unerlässliche Keramikbremse vor einer zu schnell angefahrenen Kurve maximal verzögern soll. Untermalt wird die forcierte Gangart vom fulminanten Trompeten der klappengesteuerten Auspuffanlage. Klarer Fall, der Biturbo-V8 macht akustisch gern auf dicke Hose - das darf er aber auch, schließlich geriert er sich auf dem Circuito wie ein 500 Kilo leichterer Sportwagen. Zwar versetzt er bei schnell gefahrenen Richtungswechseln einwenig, fängt sich aber stets gutmütig. Auch kurze Ausflüge über die rauhen Kerbs bringen den steifen Knaben nicht aus der Ruhe. Von Kopflastigkeit wie im W12 ist wenig zu spüren.

Der V8 steht bereit zum großen Finale.
Bentley Continental GT V8

In der Boxengasse wartet Dylan, mein Coach, und bietet als krönenden Abschluss die angedrohte Hot Lap. Ich willige ein und frage mich Minuten später, was ich auf der Piste eigentlich zuvor gemacht hatte. Geschlafen? Wie ein Berserker treibt Dylan sein Spielzeug rücksichtslos über die Kerbs, bremst kurz an, beschleunigt wieder, nutzt die ganze Fahrbahnbreite - um dann wieder einer imaginären Ideallinie zu folgen, die ihn aus der folgenden Kurve mit fast identischer Geschwindigkeit wieder heraus katapultiert. Den Höllenritt beendet der Verrückte mit dem expliziten Hinweis, diese Spielchen trieben er und seine Kollegen mit den Autos nun schon seit einer Woche. "Ohne nennenswerte technische Schäden!". Und fügt einen entscheidenden Satz hinzu: "Mit dem W12 bin ich langsamer...". 

Conclusio

Wer hätte das gedacht? Ein kleiner 4-Liter V8 entpuppt sich als würdiger Konkurrent des eloquenten Zwölfzylinders von Bentley. Mehr noch. Er zeigt eindrücklich, welches Entwicklungspotential noch im Verbrennungsmotor steckt. 507 PS sowie ein gleichbleibendes Drehmoment von 660 Nm zwischen 1.700 und 5.000 Umdrehungen sind das eine - der geringe Verbrauch von nur 10,5 Litern Super Plus im EU-Mix das andere. Tatsächlich erreichten wir in Spanien im Rahmen einer zügig gefahrenen Landpartie einen Verbrauch von unter 13 Litern - ermöglicht neben dem kleineren Motor vor allem durch das neue 8-Stufengetriebe und der aus dem Mulsanne bekannten Zylinderabschaltung (bei zurückgenommener Fahrweise nur 4 statt 8 Zylinder gezündet). Die dadurch erreichte, um 40% verbesserte Kraftstoffeffizienz verringert die Anzahl der Tankstopps erheblich: 850 Kilometer nonstop - in einem Bentley bislang unvorstellbar! Zum Vergleich: Ein Aston Martin Vantage S, ein Ferrari California oder ein Porsche 911 Turbo wollen bereits 250 Km früher zur Tränke geführt werden.

Bleibt bei allem Lob für den V8 die Frage, was da noch für die teureren Modelle mit W12 Motor spricht. Klarer Fall, es ist deren über jeden Zweifel erhabener Antrieb, der dem spritzigen V8 zudem in Sachen Top-Speed überlegen ist und ihm beim Sprint wertvolle Sekundenbruchteile abjagt. Und es ist deren reichhaltigere Ausstattung, die das exklusivere Image transportiert. Hinsichtlich akustischer Präsenz herrscht wiederum Gleichstand: Wer bei seiner Bestellung auf die optionale Sportauspuffanlage verzichtet, ist mit Bentleys neuem Wunderkind ähnlich dezent unterwegs, wie mit dem ausbalancierten W12. Wurde sie hingegen notiert, weiß der Käufer um ihre markerschütternde Wirkung und schätzt sie. Womöglich weil er früher Porsche oder Ferrari den Vorzug gab? Dann hätte Bentley Motors ins Schwarze getroffen: Verkauft wird, was gefällt. Uns gefallen beide!


Reportage: Ulrich J. Lehmann

Fotos:  agentur pressman, Bentley Motors, David Shepherd

 

 

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