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Feuerrotes Spielmobil

Bentley Continental GT Supersports

Mit dem „Supersports“ serviert Bentley Motors Liebhabern agiler Sportwagen erstmals eine Alternative zu Ferrari und Lamborghini. Über die Aufhebung physikalischer Gesetze und ein geschärftes Bentley-Image berichtet Ulrich J. Lehmann.

Exkurs

Bentley Continental GT Speed (Foto: Bentley Motors)
Bentley Continental GT Speed (Foto: Bentley Motors)

Seit 2003 steht die Continental Baureihe für eine Wiederbelebung der sportlichen Ambitionen der Marke Bentley. Dafür sorgt vor allem die kompakte Bauweise und der schnell ansprechende, drehfreudige 6 Liter  W12 Motor. Selbst Modelle aus den ersten Jahren offerieren heute noch überlegene Fahrleistungen. Angestachelt durch den großen Erfolg legte Bentley nach und schärfte dem GT erstmals im Jahr 2007 die Krallen. Das Ergebnis der Fitnesskur, der Bentley Speed, nötigte selbst jenen Respekt ab, die sonst mit sportiven Marken wie Ferrari oder Lamborghini liebäugeln. Ambitionierte Supersportwagenfahrer hingegen, welche die Sportlichkeit nicht nur über beeindruckende Beschleunigungs- und Verzögerungswerte definieren, sondern auch Handlingeigenschaften und Agilität in ihre Bewertung einfließen lassen, übten vorsichtige Kritik am Fahrverhalten des Speed im Grenzbereich. Kein Wunder bei einem Gewicht von 2.350 kg (ein Lamborghini Gallardo wiegt eine knappe Tonne weniger!), welches der Wendigkeit bei forcierter Gangart zwangsläufig abträglich ist. Und tatsächlich ringt der Speed auch mit straffster Dämpferwahl bei schnellen Kurventempi um Haftung und ist daher eher der fulminante Grand Tourer für gut ausgebaute Strassen denn ein verlässlicher Partner für superlatives Kurvenräubern.

Extremer Charakter

Äußere Erkennungsmerkmale des GT und GTC Supersports sind die hochgezogenen seitlichen Lufteinlässe vorne...
Bentley Continental GT Supersports
...und die Luftschlitze auf der Motorhaube.
Bentley Continental GT Supersports

Genau jene Diskussion ums Gewicht des Speed ist es auch, die eine verschworene Gruppe engagierter Entwickler in Crewe nach Abschluss der Arbeiten am Speed im Jahr 2007 dazu bringt, sich abseits vom Tagesgeschäft ein paar Gedanken zu machen: Was, wenn man die Leistung noch etwas steigerte, gewichtsmäßig noch etwas abspeckte und auch gleich etwas Fahrwerkstuning betriebe? Was, wenn man das Ansprechverhalten der Lenkung noch perfektionierte und die Antriebskraft auf die 4 Räder neu verteilte? Oder auf den Punkt gebracht: Was, wenn man sich noch kompromissloser der Wurzeln der Marken besönne und konsequent ein Kraftpaket für die Strassen entwickelte, das tatsächlich geeignet wäre, in die Domäne von Ferrari oder Lamborghini vorzudringen - jener ausgewiesenen Spitzensportler mit großer Fangemeinde? Die enthusiastischen Entwickler sind sich bald einig: Die wagemutige Idee muss weitergesponnen werden!

Schriftzug am Türschweller
Bentley Continental GT Supersports

Begeistert trägt man die Vorschläge Controllern und Markenstrategen vor und erntet zum eigenen Erstaunen keine Abfuhr, sondern das Versprechen, sich mit dem Ansinnen zu befassen. Ergebnisoffen, versteht sich. Denn Fakt ist, dass in den langfristigen Planungen ein dermaßen hochgezüchteter und trainierter Bentley nicht vorgesehen ist. Zunächst ist zu klären, welche Chancen ein solcher Sportsbolide am Markt haben könnte, ob er mit dem gepflegten Bentley Image noch vereinbar wäre und ob überhaupt Kapazitäten für die außerplanmäßige Entwicklung vorhanden wären. Bei den Überlegungen spielt eine Rolle, dass die Continental Range in die Jahre gekommen ist und bereits an Attraktivität einbüßt. Die Speed Modelle sowie die aufgepeppte Continental Series 51 scheinen zudem nicht allein dazu geeignet, den rückläufigen Absatz dramatisch ins Gegenteil zu verkehren. Folglich ist die Vorstellung, mit einem auf reine Leistung und Performance getrimmten Fahrzeug in neue Käuferschichten vorzudringen, für die Konzernbevollmächtigten reizvoll.

Ruhmreiche Vergangenheit

Urvater des GT Supersports ist der Bentley 3 litre Supersports (Foto: Bentley Motors)
Bentley 3 litre Supersports (Foto: Bentley Motors)

Kurzum: Das Projekt wird genehmigt und führt binnen 24 Monaten zu einem neuen Fahrzeugprogramm. In Reminiszenz an glorreiche Zeiten ist auch schnell ein überaus passender Name gefunden: Supersports. Ein kluger Schachzug, denn auf diese Weise hat man geschickt einen Bogen zu längst verblichenen Kraftmeiern der Firmenhistorie geschlagen, den außerordentlich leistungsstarken Bentley 3 Litre Super Sports. Mit 85 PS stand diesen über 100 Meilen schnellen Fahrzeugen das Fünffache der Leistung zu Verfügung, die gewöhnliche Kraftfahrzeuge jener Zeit aufwiesen. Auf verkürztem Radstand waren ab 1925 nur 18 Stück gefertigt worden und dank eines grün hinterlegten „B“ am Kühler als Green Label und somit als leistungsstärkste Bentleys identifizierbar.

Mann sieht Rot

Der Auftritt des Supersports sagt eindeutig: das ist kein gewöhnlicher GT!
Bentley Continental GT Supersports

Wenn Presseabteilungen Farben für ihre Testfahrzeuge auswählen, geschieht das meist mit Bedacht. Bei Bentley ist das nicht anders. Das knallige Rot, welches den Testwagen ziert, ist folglich kein Ergebnis wirren Flaschendrehens, sondern durchdachter Kalkulation. Schwupps sind beim Clubwebmaster Michael Ehrhardt und mir Assoziationen an Produkte aus dem italienischen Maranello geweckt – und das allein ist schon ein starkes Stück. Denn wer hätte noch vor wenigen Jahren gedacht, dass Bentley einmal versuchen würde, in die Riege reinrassiger Supersportler vorzustoßen? Die ungläubigen Augen realisieren einen Hochleistungsboliden, der mit Zierrat geizt, nicht aber mit großen, ausgestellten Hinterradläufen, gigantischen Felgen und brachialer Ornamentik. So kündet etwa das schwarze Gittergeflecht am Kühler und mehreren Luftein- und auslässen sowie Ultra High Performance Reifen im Format 275/35 ZR20 unmissverständlich von nur einem Ziel: zu signalisieren, dass hier kein gewöhnlicher Continental GT zum beherzten Zupacken einlädt.

Sicherheit – mit Leichtigkeit

Carbon und Alcantara TM im Innenraum betonen den sportlichen Charakter des GT Supersports.
Bentley Continental GT Supersports

Gefällige Merkmale weist der vermeintliche Athlet also weniger auf, vielmehr versprüht er eine Aggressivität, die Bentleys bislang fremd war. Einzig das Continental T Mulliner Modell, welches sich in den 90er Jahren mit seinem Widebody-Kit und seitlichen Lufteinlässen an besonders leistungsorientierte Kunden wandte, kann hinsichtlich Auffälligkeit mithalten und in einer Disziplin den Supersports sogar übertrumpfen: Mit 875 Nm Drehmoment wuchtet es 75 Newtonmeter mehr auf die Hinterachse, als der Supersports auf alle vier Räder. Womit wir endgültig auf perfekt ausgeformten Schalensitzen des Supersports platzgenommen und die Beine hinter die Pedale geschwungen hätten. Wen interessieren in diesem Moment 75 Nm?

Ein echter Sportwagen braucht keine Rücksitze. Trotzdem sind sie optional für den Supersports erhältlich!
Bentley Continental GT Supersports

Auf dem feinen Alcantara™  des aus Karbonfasern gefertigten Gestühls räkelt es sich, sofern man kein Gardemass aufweist, erstaunlich bequem - wenn auch nicht kuschelig oder gar elegant. Eine Lordosenstütze ist vorhanden, aber nur mit einem Inbusschlüssel vor Fahrtbeginn zu justieren. Schon beim Einsteigen waren die Schlitze in den dürren Lehnen aufgefallen, durch welche der ambitionierte Hobbyrennfahrer bei Bedarf wohl einen Vierpunktgurt zurren und an einer massiven Querverstrebung dahinter befestigen kann. Was auch bedeutet, dass der Supersports serienmäßig keine Rücksitze hat – nicht einmal Notsitze. Doch daraus macht der heiße Feger eine Tugend und bietet stattdessen eine seitlich rautenförmig abgesteppte Ablagefläche, die dank eingearbeiteter Metallschutzleisten im Boden auch schwere Gepäckstücke verträgt. Theoretisch zumindest, denn am liebsten will das hintere Abteil wohl überhaupt keine Lasten tragen und lieber an Sicherheitszellen von Rennwagen mit Straßenzulassung erinnern. Als ähnlich karg entpuppt sich die Sitzeinstellung, die ohne elektrische Helferlein auskommen muss. Aus Gewichtsgründen, wie uns Technikvorstand Dr. Ulrich Eichhorn erklärt. Alle Maßnahmen rund um die Sitze zusammen genommen machten bereits die Hälfte der 110 erzielten Abspeck-Kilos aus und verlagerten den Schwerpunkt vorteilhaft nach unten.

Magensache 

Das Herz: 6,0 Liter Biturbo Zwölfzylinder
Bentley Continental GT Supersports

Apropos Schwerpunkt. Fast hätten wir, ob der optischen Attitüden, das Wichtigste vergessen - die Fahreigenschaften. Also flugs den auf 630 PS leistungsgesteigerten Motor gestartet, der übrigens ohne Leistungsverlust auch mit angeblich umweltfreundlicherem Bio-Ethanol (E85) betankt werden kann und auf Berechnungsbasis der Well to Wheel-Methode  bis zu 70%* weniger CO2-Emissionen in die Luft pustet. Hat der Fuß einmal das Gaspedal angestupst, sind alle Zweifel begraben: Brutal und unmittelbar entfesselt der 6.0 Liter Biturbo Zwölfzylinder eine wahre Urgewalt und überträgt sie mittels des schnell schaltenden  „Quickshift“ Getriebes von ZF auf die Pneus.

Das rote Monster in Aktion
Bentley Continental GT Supersports
Der rote Blitz von der anderen Seite
Bentley Continental GT Supersports
Supersports mit ausgefahrenem Heckspoiler
Bentley Continental GT Supersports
Passstraßen fahren ist mit dem Supersports ein Hochgenuss.
Bentley Continental GT Supersports

Nie zuvor haben Schreiberling und Fotograf ein Fahrzeug mit so einem phänomenalen Abzug gesteuert. Und auch der Bentley Speed, der in sportlicher Erinnerung ist, verblasst vor Hintergrund dieser Performance. Fauchend und röhrend, um Bodenkontakt ringend, sprintet der rote Rowdy mit einer solchen Vehemenz voran, dass sich vor allem beim Beifahrer, der keine Kontrolle über das wahnsinnig gewordene Monster hat, ein flaues Gefühl in der Magengegend breit macht: 3,9 Sekunden auf 100 km/h! Damit unterbietet der Supersports den normalen Bentley GT um fast eine Sekunde – eine halbe Ewigkeit in der Klasse motorisierte Spitzensportler. Wie das geht? 150 Nm mehr Drehmoment geben die Antwort. Die martialisch anmutende Beschleunigung ist aber noch einem weiteren Umstand geschuldet, und zwar einer neuen 40/60 Verteilung der Kräfte des Allradantriebs zugunsten der Hinterachse. Das hat zur Folge, dass bei Kickdown, also dem Abruf sämtlicher Leistungsreserven, ein leicht tänzelndes Heck wahrgenommen werden kann, was aber zu keiner Beeinträchtigung der Sicherheit führt. Hintergrund ist, dass die Entwickler den Fahrern des Supersports so die Möglichkeit geben wollten, ihre Fahrtrichtung nicht nur mit dem griffigen Lenkrad, sondern auch mittels des Gaspedaleinsatzes zu beeinflussen. Vor allem mit ausgeschaltetem ESP lässt es sich mit dem Supersports phantastisch um Ecken und Haarnadelkurven driften. Ein schöner Nebeneffekt: Beim Beschleunigen aus Kurven reduziert sich das Untersteuern im Vergleich zum GT mit seiner 50/50 Kraftverteilung deutlich.

Schneller Ankern

Überhaupt kriegt der schnellste und stärkste Bentley aller Zeiten deutlich besser und somit sicherer die Kurve als je ein Bentley zuvor. Dafür sorgt neben der um 5 Zentimeter verbreiterten Spur der Hinterachse vor allem eine verbesserte Vorderradaufhängung mit Stablenkern aus Aluminium, steiferen Lagerbuchsen in Kombination mit überarbeitetem Stabilisator und eine neue Servotronic-Lenkung für ein präziseres Einlenken.

Die 20 Zoll Leichtmetallräder mit 10-Speichen-Design unseres Testwagens.
Bentley Continental GT Supersports

Aber auch die elektronische Dämpferkontrolle ließen die Entwickler nicht unangetastet, sodass auch unebene Asphaltpisten den Supersports bei hohen Tempi nicht aus der Bahn werfen. Spielend bügelt er üble Fahrbahnschäden weg und zuckt auch dann nicht mit der Wimper, wenn dem Fahrer in solchen Momentan auch noch einfällt, Orgien mit Gaspedal und Bremse zu feiern. Ach ja, die Bremse. Fast könnte man die größte und stärkste jemals in einem Serienfahrzeug verbaute Bremsanlage auch einen Anker nennen - so radikal und abrupt vermag sie die besonders leichten 20 Zoll Leichtmetallräder mit 10-Speichen-Design anzupacken und den Wagen sicher und fadingfrei zu verzögern. Perfekt auf all die feinen Verbesserungen abgestimmt, findet sich zu guter letzt das für Gelegenheitssportler wohl wichtigste Accessoire – ein exakt auf das Leistungsvermögen des Supersports angepasstes, hochmodernes ESP System. Dieses reagiert äußerst feinfühlig, gewährt jedoch viele Freiheiten, ohne die Sicherheit des Kraftfahrzeugs und seines Fahrer aufs Spiel zu setzen. Physikalische Gesetzte kann es entgegen erster Hoffnungen nicht aushebeln – die Grenzen jedoch deutlich nach oben schrauben.

Einstiegsdroge

Der aggressiv röhrende Supersports beendet die abendliche Ruhe am Walchensee.
Bentley Continental GT Supersports

Am Ende des wilden Ritts auf der roten Rakete ist klar: Dieser Bentley ist der reine Wahnsinn und keinesfalls der nette Begleiter für den sanften abendlichen Ausritt entlang des Starnberger Sees oder der lieblichen Mosel. Diese Gangart verlernt man mit einem Auto, das in freier Wildbahn kaum Konkurrenz kennt und stets der erste ist, selbst wenn man das Gaspedal nur gestreichelt hat. Unser Rat: Wer einfach gern etwas schneller unterwegs sein will, bleibt beim Bentley GT oder dem Speed. Der Supersports hingegen „scheint auf Speed“ - jenem Rauschmittel, das bei Einnahme für stimulierende und euphorisierende Wirkung auf das Zentralnervensystem sorgt. Erfreulich, dass eine Dosis Supersports bei überlegter Einnahme ungemein gesünder sein dürfte. Nur leider auch ungemein teurer. Wohl bekomm’s!

* Die ‚Well to Wheel‘ Methode berücksichtigt die Gesamtheit der CO2 Emissionen und nicht nur die reinen Auspuffabgase. Die Berechnung umfasst den gesamten CO2 Ausstoß der bei der Produktion und Nutzung eines Kraftstoffes erzeugt wird; von Anpflanzung oder Förderung (Well=Quelle) bis zu seiner Verbrennung bzw. Nutzung (Wheel=Rad). Dies schließt auch sämtliche Zwischenschritte, wie die Raffinierung, die Destillation und den Transport ein.

 

Noch ein paar Standbilder

Bentley Continental GT Supersports

Erstabdruck des Artikels im Alpine Eagle, Magazin des RREC Swiss Section 

 

Text:  Ulrich J. Lehmann

Fotos:  Bentley Motors, agentur pressman, Michael Ehrhardt

 

 

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05.04.2017: 

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