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Welcher ist eigentlich der „echte“ Blue Train Bentley? - eine investigative Story von Dr. Clare Hay und Ruben L. Verdes

Einer dieser beiden Wagen ist der echte "Blue Train Bentley". Aber welcher? (Foto: Larry S. Glenn)

Prolog:

Spätestens seit dem Concours d`Elegance 2001 in Pebble Beach und dem dazu verfassten Bericht in dem Magazin „Flying Lady“ des Rolls-Royce Owners´ Club (RROC), Issue Jan. -Febr. 2002, Seiten 6459-6460, sollten weltweit alle interessierten Bentley Freunde wissen, mit welchem Speed Six Bentley Woolf Barnato am 13./14. März 1930 sein legendäres Autorennen gegen den „Le Calais – Mediterranée-Express“ wirklich gefahren ist. Er hatte gewettet, dass er mit seinem Bentley von Cannes schneller nach London fahren würde als der berühmte Express „Le Train Bleu“ von Cannes nach Calais. Doch mit welchem Wagen ist er denn nun wirklich das Rennen gefahren?

Diese Aufnahme aus dem Verdes-Archiv zeigt vermutlich den Train Bleu, gezogen von einer Super Pacific Nord.

Immer und immer wieder wird falsch abgeschrieben, nicht nur von übereifrigen Doktoranden sondern auch von nachlässigen Journalisten, gerade jetzt wieder - ganz aktuell sogar - von dem „hauseigenen“ Journalisten des „The Official Magazine Of Bentley Motors“, Winter 2013, Issue 47, Seite 24.

Hier unten nun die wahre Story als Ergebnis vieler intensiver Recherchen in allen zur Verfügung stehenden Dokumenten, erstmals von ihr verfasst bereits 2001 und nun noch einmal im SAH Journal von ihr zusammengefasst, von der weltweit anerkannten Bentley Autorin und Historikerin Dr. Clare Hay: „The Real Blue Train Bentley“. Vorab zu ihrem Bericht ein Vorwort von Ruben L. Verdes, Präsident des RROC und Editor des in Fachkreisen sehr beachteten SAH Journal der „Society Of Automotive Historians“, USA, Issue 260, January / February 2013, aus dem dieser Bericht entstammt.

(Übersetzung: Dr. Dr. Axel Zogbaum, der bebilderte Originaltext aus dem SAH Journal findet sich mit freundlicher Genehmigung des Editors weiter unten als Download!)


Editor's Note:

„Die automobile Geschichte ist voll von Geschichten, voller Neuerfindungen, Erleuchtungen und Wagemut – vom Heldenhaften bis hin zum Bescheidenen!
Unsere Absicht ist es, eine Historie so korrekt als möglich zu recherchieren. In der letzten Ausgab des SAH Journals sahen wir uns an, wie J. Saoutchick (er zählte in den 29er und 30er Jahren zu den bekanntesten Karosseriebauern Frankreichs, Anm. des Übersetzers) 2012 in Pebble Beach herausgestellt wurde sowie auch die fortgesetzte gute Verbesserung des Ausstellungskataloges für die „Geschichte der Automobile“.

So konnte man dort auch an Hand der Nachweise erfahren, dass der sagenumwobene „Blue Train Bentley“ nicht der Wagen war, mit dem das Rennen gefahren worden war und dass die öffentliche Enthüllung der wahren Geschichte ihre Premiere 2001 in Pebble Beach hatte, als beide Wagen dort bereits nebeneinander standen. Darauf erschien die Story in der „Flying Lady“ im Jan. / Febr. 2002, geschrieben von der Entdeckerin des Sachverhaltes, der renommierten Bentley Autorin und Historikerin Clare Hay: 

Woolf Barnato (rechts) mit seinem Teamkollegen Glen Kidston in Le Mans 1930. (Foto: Bentley Motors)

„Am Donnerstag, den 13 März 1930 um 18.00 Uhr verließen Woolf Barnato, Chairman von Bentley Motors  und sein Sekretär, Dale Bourne die Carlton Bar in Cannes um in Barnatos Speed Six Bentley einzusteigen, um herauszufinden, ob sie vor dem berühmten „Blue Train Express“ London erreichen könnten. Sie fuhren die Nacht durch und erreichten Boulogne am Freitag um 10.30 Uhr, und um 11.35 Uhr erreichten sie die Fähre nach Folkstone. Dort kamen sie gegen 13.00 Uhr an und waren um 15.30 Uhr im Royal Automobil Club in der Pall Mall, 15 Minuten bevor der „Blue Train Express“ in Calais einlief.

Barnato sagte später „auf dieser 786 Meilen Fahrt hätte jede Frau auf komfortable Weise das Gleiche erreichen können“. Und wahrhaftig, sie hätte es wirklich schaffen können, doch in welchem Bentley nun wirklich?

Dieser Speed Six, Chassis HM2855, galt jahrelang als der wahre Blue Train Bentley. (Foto: Bentley Motors)

Über viele Jahre hatte man überall geglaubt, dass Barnato mit dem zweitürigen Gurney Nutting Coupé (Chassis No. HM2855,  Registration: GJ3811) gefahren sei, einem fabelhaften begeisternden Grand Touring - Dreisitzer mit schnittigen „helmet wings“, der dritte Sitz seitlich unter der Dachschräge platziert, vorn mit zwei riesigen Zeiss-Scheinwerfern versehen, seitlich zwei langen Trittbrettern und einem gefälligen Kofferraum hinten. Es war eine große Überraschung festzustellen, dass im Gegensatz zu dem berühmten Gemälde des bekannten Künstlers für automobile Gemälde, Terence Tenison Cuneo (1907–1996), Woolf Barnato im März 1930 diesen Wagen gar nicht gefahren haben konnte, da dieser zu dem Zeitpunkt noch gar nicht fertig gebaut war! Erst als ich mich auf Geheiß des Besitzers des Gurney Nutting Coupés daransetzen sollte, um die die wahre Geschichte des Wagens zu recherchieren, wurde ich gewahr, dass die zeitlichen Angaben gar nicht zusammen passten! Ein ganzer Haufen von ausgeschnittenen Presseberichten ließ das Rennen eindeutig auf den 13./14. März 1930 datieren.

Dieses Gemäde von Terence Tenison Cuneo zeigt HM2855 beim Wettrennen mit der PLM 241C "Cigare" und dem Train Bleu am Haken. (Foto: Bentley Motors)

Auch wiesen die Aufzeichnungen von Bentley Motors für dieses Coupé aus, dass es die Endabnahme zu diesem Zeitpunkt noch nicht durchlaufen hatte und dass der Versicherungsschein den Beginn der 5 Jahresgarantie auf den 21. Mai 1930 datierte, also 10 Wochen nach dem Rennen. Weiter zeigten die Aufzeichnungen, dass der Wagen bis zum 2. Juni 1930 erst 391 Meilen gefahren worden war. Damit ergaben sich zwei Fragen: wie war es gekommen, dass das „Blue Train“ Rennen zuvor dem Gurney Nutting Coupé zugeschrieben wurde und welchen Wagen hatte Barnato denn nun anstatt gefahren?

Moderne Darstelung des Rennens mit dem Gurney Nutting Coupé auf einem Gemälde von Francois Leboine. (Archiv Verdes)

Eine Antwort zur ersten Frage lässt sich 1967 in einem Artikel von Johnnie Green in der BDC- Review von 1967 des Bentley Drivers Clubs nachweisen. Barnato schreibt 1940 selbst über das Rennen und dort immer von „my Speed Six Saloon“, was unzweifelhaft belegt, was es für ein Wagen war,  nämlich eben nicht das Gurney Nutting Coupé, das Barnato mit Sicherheit nie als „Saloon“ bezeichnet hätte!

Alle meine Nachforschungen zeigten, dass es keinerlei Hinweise darauf gab, dass das „Blue Train-Rennen“ mit diesem Coupé gefahren worden war, dafür jedoch überwältigende Fakten, die alle gegen eine Fahrt mit dem Coupé sprachen. Ich war auch die erste, die herausfand, dass die Zeitangaben dazu nicht passten. Damit konfrontiert meinte ein anderer Autor, dann war es vielleicht der längste jemals gemachte „Auslieferungstest“ - ohne Dokumentation…! Ein berühmtes Auktionshaus tauschte in seinem Katalog einfach das Jahr des Rennens von 1930 auf 1931, doch die Fakten sagen etwas anderes aus.

Es ist leicht nachzuvollziehen, warum man gern glauben möchte, dass das Gurney Nutting Coupé der „Blue Train“-Wagen gewesen sein soll: er ist ein eindrucksvolles Beispiel der automobilen Ingenieurskunst: ein wunderbares Chassis, vermählt mit einer Karosserie von betäubender Schönheit! Die Mystik zu dem Gurney Nutting Coupé hat sich so festgesetzt, und die Attribute zum „Blue Train“ sind so verhaftet, dass es schwer fällt zu glauben, dass dieses eben nicht der Wagen ist, den Barnato bei dem Rennen gefahren hatte.

Alle Beweise sprechen somit dafür, dass das „Blue Train“-Rennen von Barnato in einem weitaus „bodenständigen Wagen“ gefahren wurde, nämlich einem Four-Door `Weyman´ Fabric Saloon by H. J. Mulliner (Chassis No. BA 2592, Registration: UU5999 ), ausgeliefert an Woolf Barnato im Juni 1929!

BA2592 - der richtige Blue Train Bentley (Foto: Larry S. Glenn)

Barnato liebte diesen Wagen (…den Saloon von H. L Mulliner – Anm. des Übersetzers) offensichtlich so sehr, dass er mit ihm 16.000 Meilen über das Jahr fuhr! In den Serviceunterlagen findet sich ein weiterer kleiner Beweis, dass dieses der eigentliche „Blue Train“-Bentley ist:

Am 15. März 1930, dem Tage nach dem Rennen, kam UU5999 in das Service Department nach Kingsbury, North London, um einen neuen Bendix Anlasser zu bekommen. Die Meilenangabe wies 13.519 Meilen aus, genug um mehrfach nach Südfrankreich und zurück zu fahren.

Vor nicht allzu langer Zeit sehr gewissenhaft in seinen Originalzustand restauriert, kann nun (endlich) der wahre „Blue Train“ Bentley ins rechte Licht gerückt werden. Zum ersten Male, seit 1930, als sie beide noch Woolf Barnato gehörten, sind diese beiden Speed Six Bentleys wieder vereint und wir sind glücklich, sie auf dem Rasen in Pebble Beach stehen zu sehen.“

Dr. Clare Hay 

 

Epilog: „Blues for the Blue Train Bentley“ von R. L. Verdes-

„Die Entlarvung, dass der Wagen, bekannt als der „Blue Train“, nicht der Wagen ist, mit dem Barnato das Rennen gefahren ist, ist nun über eine Dekade her. Wie ist diese Tatsache nun in der Motorwelt aufgenommen worden?

Für manche scheint alles nur eine Anekdote zu sein, aber es ist ein interessanter Fall und eine Herausforderung, die sich für die Historiker ergibt, die dokumentierten Tatsachen ins rechte Licht zu rücken!

Manche vermuteten, dass der H. J. Mulliner Speed Six nun in den MIttelpunkt gerückt würde und der Gurney Nutting als „Blue Train“ an Glanz verlieren würde. Andere vermuteten, dass nun beide Wagen den Namen tragen würden – bis jemand vielleicht den „Ärger“ auf sich nimmt, diese Frage zu untersuchen, von der wir die Antwort eigentlich nicht wirklich wissen möchten. Es passiert schon sehr oft, dass einfach beide Wagen als der „Blue Train Bentley“ angesprochen werden. Doch warum dieses, wenn es einer ganz klar nicht ist?  ………“

Bei dieser sehr interessanten rhetorischen Fragestellung des Editors R. L. Verdes möchte ich meine Übersetzung beenden und hier einer weiteren Diskussion freien Lauf lassen.

So sah es wohl wirklich aus, als Woolf Barnato mit seinem Weyman Saloon gegen den Train Bleu antrat.

Nachtrag:

Es war 2001 (!) schon eine riesige Sensation, und das nicht nur für alle Enthusiasten der legendären Marke Bentley, als diese beiden Speed Six Bentleys auf dem Rasen des Golfclubs von Pebble Beach nebeneinander standen und die wahre Geschichte dort erstmalig dem weltweiten Publikum bekannt gemacht wurde. Nochmals vielen Dank an dieser Stelle an die „Ermittlerin“, Dr. Clare Hay!

Auch den glücklichen Besitzern dieser beiden Bentleys, Mrs. Jolene und Mr. Bruce R. McCaw aus Seattle, WA, USA , ist zu danken, dass sie diese beiden historisch so bedeutsamen Bentleys wieder zusammengeführt haben. War es doch auch ihnen ein wichtiges Anliegen, endlich die wahre Geschichte hinter dem „Blue Train Run“ dokumentiert zu wissen. Es ist schon eine wahrlich spannende „Geschichte auf Rädern“, wie man hier bei uns im Automuseum Melle so sagt. By the way, es ist auch interessant, die Besitzer einmal „zu googeln“ .

Eine weitere, ebenfalls nachweisbare Begebenheit zu diesem sicherlich berühmtesten aller Straßenrennen hat unser Historiker in Sachen Rolls-Royce und Bentley, Klaus-Josef Roßfeldt noch ausgegraben. Als sehr unerfreuliche Folge der Wettfahrt ergab sich für Bentley Motors noch folgendes Nachspiel:

„Ob seiner Position als Vorstandsvorsitzender von Bentley Motors zur Zeit der Wettfahrt erfolgte umgehend die „Abstrafung“ durch französische Entscheidungsträger. Mit der Begründung, dass ein hochrangiger Manager von Bentley Motors zu Werbezwecken eine verbotene Rennfahrt auf öffentlichen Straßen der Republik Frankreich unternommen hatte, wurde Bentley Motors rigoros untersagt, als Aussteller beim Pariser Autosalon 1930 zu erscheinen!“

Barnato selbst taufte diesen Bentley 'Blue Train Bentley', obwohl er das Rennen mit 'my Speed Six Saloon' bestritten hatte. (Foto: Bentley Motors)

Nur eine Frage bleibt nun letztlich noch offen: wie kam das zweitürige Gurney Nutting Coupé denn nun zu seinem Namen? Dazu gibt es bisher nur eine überlieferte „Story“ aus seinem damaligen Umfeld: Woolf Barnato war nach der Auslieferung des Wagens über die so wunderbar gelungene Karosserie dermaßen erfreut, dass in Angedenken an sein Rennen er selbst seinem wunderschönen Gurney Nutting Coupé diesen Namen „Blue Train Bentley“ verlieh. Den anderen nannte er ja nachweislich „ my Speed Six Saloon“.

So bleibt letztlich festzuhalten, es gibt ein Speed Six Bentley Coupé (Chassis HM 2855) von Gurney Nutting, das den Namen des berühmten Rennens trägt und einen zweiten Bentley Speed Six (Chassis BA 2592) Four Door `Weyman´ Saloon von H.J. Mulliner, mit dem Woolf Barnato am 13./14. März 1930 das berühmte Rennen gefahren ist.

Das ist nun die wahre Geschichte zu den beiden bis heute sicherlich berühmtesten aller jemals gebauten Bentleys.

Ich danke dem Editor Ruben L. Verdes für die freundliche Genehmigung der Verwendung und des Nachdrucks des Textes und seiner Bilder aus dem SAH Journal, Issue 260, Jan. / Febr. 2013. 

 

Dr. Dr. Axel Zogbaum

 

Der gesamte Originaltext, einschließlich des vollständigen Epiloges des Editors Ruben L. Verdes, kann auf dieser pdf-Datei nachgelesen werden:

 

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