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Bentley Brooklands - Rolling Albert Hall…

Bentley Brooklands

Limitiert auf 550 Exemplare macht sich der Bentley Brooklands rar auf den feinen Boulevards dieser Welt. Aus Crewe heißt es bereits, das Coupé sei eigentlich schon ausverkauft. Hohe Zeit also, den edlen Kreuzer einer Inspektion zu unterziehen. Rechtzeitig quasi, bevor die letzten Neuwagen in fürsorgliche Sammlerhände abgegeben werden.

Prolog

Bentley Brooklands vor der Blutenburg im Nordwesten von München.
Bentley Brooklands
Bentley Brooklands im schönen Alpenland.
Bentley Brooklands

Still war es geworden im zweitürigen Oberhaus zu Bentley, seit das Continental R Mulliner Coupé sowie das Azure Cabriolet im Jahre 2003 eingestellt worden waren. Und während sich mit dem GT Coupé ein neues Wunderkind aufmachte, die Straßen der Welt zu erobern, äußerten so manche Bentley Aficionados ihren Verdruss über die Tatsache, dass nicht auch gleich für Ersatz in der Königsklasse, nämlich der Arnage Familie, gesorgt worden war. So gingen zwei Jahre ins Land, die Bentley dazu nutzte, zunächst einen Nachfolger für den eingestellten Azure zu entwickeln. Auf Basis des Arnage entstand der „New“ Azure, welcher mit gestreckter Linie und leichtem Hüftschwung Grazie verströmte. Trotz seiner imposanten Länge von 5,41 Metern wirkte der offene Beau wohl proportioniert und kam beim frischluftverliebten Publikum bestens an. Ein Coupé jedoch stand weiterhin nicht auf dem Spielplan der Bentley-Bühne.

Dann ein Paukenschlag am Vorabend des 77. Genfer Auto-Salon 2007: In den edlen Räumen der Nautischen Gesellschaft zu Genf präsentiert Chairman Franz-Josef Paeffgen einem völlig verdutzten Publikum ein brandneues Fahrzeug. Nicht etwa eine Studie oder ein Experimentalfahrzeug, sondern das künftige Spitzenprodukt des Hauses - den neuen Bentley Brooklands, seines Zeichens „The Most Powerful Bentley Ever built“… Was keiner weiß: Zu diesem Zeitpunkt feilt Crewe bereits an den letzten Feinheiten der Serienversion des extravaganten Coupés. Es gilt, den Star von Genf möglichst schnell zur Serienreife zu führen und für die wartenden Kunden verfügbar zu machen. Die Mühe soll sich lohnen: Schon sieben Monate später rollen die ersten Fahrzeug zu den wartenden Enthusiasten.

Bentley Brooklands

Dampfmaschine im Abendkleid

Es sind Daten, die hartgesottenen PS-Fetischisten Respekt einflössen: 6,75 Liter Hubraum und 537 PS - das klingt nach Leistung im Überfluss und somit nach ungetrübtem Fahrspaß. So weit, so stark. Richtig interessant wird die Sache aber, sobald die wichtigen Details auf den Tisch kommen: 1050 Newtonmeter Drehmoment bei 3.250 Umdrehungen der Kurbelwelle! Nun, was soll das sein?! Etwa ein Bugatti? Weit gefehlt: Die Rede ist vom Brooklands, dem stärksten Stern am Bentley Himmel. Mag der freche „kleine“ Continental Supersports mit 630 PS prahlen - hinsichtlich des Drehmoments spielt er in einer anderen Liga. Stellt sich die Frage, was der Brooklands dann ist. Etwas ein neuer Rennwagen für Le Mans, oder eine von einem verrückten Freak übertunte Bentley-Limousine aus den verblichenen 90ern? Oder gar der geheime Arnage mit ausgeliehenem Bugatti-Motor, von dem schon einmal die Rede war? Bentley-Boss Paeffgen würde sicher lächeln und die Fragestunde mit dem schlichten Satz beantworten, der schon am Vorabend des Genfer Salons für Respekt gesorgt hatte: „Unser Brooklands ist nichts anderes als die ultimative Fahrmaschine für den Gentleman-Driver…“.

British Proportions

Klassisch britische Proportionen zeichnen das muskulöse Design des Brooklands aus.
Bentley Brooklands

Inspiration für den Brooklands holte sich Bentley Chef-Designer Dirk van Braeckel aus der legendären Historie der Bentley Coupés. Für van Braeckel war das Ziel nach eigenen Angaben klar: „Ein kraftvolles, muskulöses und dynamisches Grand Touring Coupé in bester Tradition des Hauses und mit klassisch britischen Proportionen“ sollte entstehen. Und tatsächlich: Die Abmessungen zwischen der langgestreckten Motorhaube und dem kurzen vorderen Überhang erfüllen das van Braeckel’sche Designziel. Analog dazu vermitteln die niedrige Dachlinie, die steil angewinkelte Windschutzscheibe und die ohne B-Säule ausgeführte Seitenverglasung Kraft und Dynamik.

Gerade im Heckbereich zeigt sich die hohe Karosseriebaukunst der Handwerker aus Crewe.
Bentley Brooklands

Aus dem Vollen schöpften die Karosseriebauer bei der Heckscheibe, die quasi zu schweben scheint, da sie an keiner unschönen Kante aneckt. Grund: Ihre Unterkante präsentiert sich deutlich über der Oberkante des Kofferraumdeckels, wodurch eine fließende, makellose Linienführung zum Heck des Wagens entsteht. Diese äußerst elegante Zeichnung wirkt natürlich und schlicht und lässt daher kaum erahnen, welch aufwändige, individuell von Hand ausgeführten Verschweißungen der hinteren Kotflügel mit der C-Säule nötig sind. Ermöglicht wird das aufwändige Verfahren letztlich auch, weil hochtalentierte Mitarbeiter das Erbe des traditionellen Karosseriebaus auch nach Übernahme durch VW bewahrt haben, und der Brooklands nur in homöopathischen Dosen gefertigt wird.

Kaminzimmer

Bitte einsteigen in den schönsten Innenraum, den ein Automobil zu bieten hat.
Bentley Brooklands

Nun hat der Brooklands äußerlich klar gestellt, was er ist. Nämlich ein gestandener Lord. Doch wie sieht’s hinter der Fassade aus - besser gefragt: Wie gefällt die Einrichtung? Zur Klärung dieser (und weiterer) Fragen treffe ich Dirk Nessenius, den Leiter des Ingenieurteams des Brooklands, in Crewe. Im Werk besteigen wir einen „Null-Serienwagen“, die Nummer 08 von 10 Vorserienfahrzeugen des Brooklands. „Ist er nicht phantastisch?“ Nessenius ist begeistert: „Der Wagen hat schon einiges auf dem Buckel, glauben sie mir. Gemessen an seinem Null-Serien-Status aber ist er ein Traum! Das verdanken wir unseren ausgezeichneten Werkstätten, die alles perfekt eingepasst haben!“ Sagts und streichelt das Leder der Sitze. „Und wissen Sie was?“, fährt er fort: „Hier sitzen wir wie in einem Kaminzimmer - nur deutlich schneller. Hinten verstellbare Einzelsitze, vorn die Opulenz eines auf zwei Passagiere ausgerichteten Luxusfahrzeuges. Alles ist leicht erreichbar und die Gimmicks sorgsam versteckt. Das Leder von 16 Kühen ist nach 125 Stunden ausdauernden Nähens an seinem Platz, und das Holzfurnier des Armaturenbretts um eine imaginäre Mittelachse spiegelbildlich angebracht. Und unsere Füße kuscheln in Auslegeware, die wiederum 16 Schafe spendeten. Nun, was soll ich sagen? Ich liebe dieses Auto!“

Kaum ein Auto bietet solche Mengen an Holz im Innenraum.
Bentley Brooklands
Im Brooklands wird selbst der Schaltknauf zum Kunstwerk.
Bentley Brooklands

Und auch wir können uns einer aufkeimenden Begeisterung kaum erwehren: Feinste Materialien sind hier verarbeitet und sorgen dank ergonomischer Formung für größten Sitzkomfort. Dabei können die Kunden ganz nach ihren individuellen Ansprüchen aus einer unzähligen Palette von maßgeschneiderten Applikationen, Verkleidungen, Furnieren und verschiedensten Leder-Farbtönen wählen. Besonders markant: Die Anordnung der vier tief konturierten Einzelsitze, die übrigens außerordentlich viel Beinfreiheit offerieren: Neben den aus Aluminium gefertigten Pedalen und Fußstützen betonen sie den sportlichen Stil des Gentleman-Gleiters. Dazu gesellt sich erstmals ein einteiliger Dachhimmel, der sich ohne Unterbrechung von der Windschutzscheibe bis ins äußerste Heck des Wagens erstreckt. Geschickt spiegelt er das lange, schlanke Profil des Exterieurs wider. Abgerundet wird der opulente Eindruck durch den voluminösen Raumeindruck, der durch das Weglassen einer festen B-Säule noch an Großzügigkeit gewinnt. Lässt man das Maßband sprechen, wird die Sache noch klarer: Der Fahrgastraum des Brooklands ist sowohl vorn als auch hinten noch breiter als beim verblichenen Bentley Continental R. Zudem übertrifft der Bentley Brooklands die Bein-, Knie- und Kopffreiheit sämtlicher gegenwärtig auf dem Markt angebotener Luxus-Coupés. Bis auf ein Fahrzeug – das Rolls-Royce Phantom Coupé. Nur dieses setzt in manchen Bereichen noch etwas großzügigere Akzente. 

Schnelle Gangart

Ein schlichter Startknopf für den stärksten Motor aus Crewe.
Bentley Brooklands

Der stärkste V8-Motor, der je in Crewe gebaut wurde, brummt nach Betätigung des dezent in der Mittelkonsole eingelassenen Anlasserknopfes kaum hörbar. Von den rekordverdächtigen 1.050 Newtonmetern ist noch nichts zu spüren. Umso mehr fühlt man sich an das Versprechen erinnert, der Brooklands böte garantiert den Komfort eines Arnage. Wahrlich - etwas anderes wäre vor Hintergrund dieses Interieurs ein Sündenfall – und den leistet man sich bekanntlich nicht in Firmen wie dieser. Schon eher steht nun die Bentley-Aussage im Raum, der Brooklands offenbare atemberaubende, mühelose und unmittelbar verfügbare Dynamik für all jene, die als Fahrer passioniert zuwerke gingen. Wer nun passioniert ist, und wer nicht, sagt Bentley nicht. So bleibt nur, dem Gaspedal seinen angestammten Weg zu beschreiben, um der über 2,6 Tonnen schwere Sänfte zu Vortrieb zu verhelfen. Und der ist gigantisch! Scheinbar spielerisch hechtet der stählerne Koloss auf die Überholspur, ohne mit Gegenkräften kämpfen zu müssen. Dabei seufzt, lechz und brüllt ein Ungeheuer, das Crewe im Motorraum vergessen haben muss, je nach Drehzahl in unterschiedlichen Tonlagen, auf dass es einem die Nackenhaare aufstellt.

Bei aller Kraft: auch gediegenes Cruisen macht mit dem Brooklands Freude,...
Bentley Brooklands
...eben ein Fahrzeug für alle Fälle!
Bentley Brooklands

Beatmet wird das schöne Monster dabei von zwei neuen, in ihrer Massenträgheit reduzierten Mitsubishi Turboladern. Die beiden Kraftmeier scheinen den Begriff „Turboloch“ nicht zu kennen, und so stürmt der Brooklands brachial voran, als gelte es, seinem Namenspatron, der außer Dienst gestellte Brooklands Teststrecke, noch ein letztes Mal die Referenz zu erweisen. Wie beim letzten, leistungsstärksten Arnage überträgt der V8-Motor seine Leistung an ein Sechsgangautomatikgetriebe, das beim Zusammenspiel zwischen den beiden Komponenten des Antriebsstrangs neue Maßstäbe setzt. Ein aufwendig konzipierter Drehmomentwandler mit Sperre und ein elektronisches Stabilisierungsprogramm (ESP) gewährleisten, dass der Fahrer ohne jede Mühe die hohe Leistung in Vortrieb umsetzen kann. Ein bei Bedarf halbautomatischer Getriebemodus erlaubt zudem manuelle Gangwechsel und eröffnet so noch größere Einflussmöglichkeiten auf die Dynamik des Brooklands.

Tatsächlich katapultiert das handgefertigte V-8 Aggregat das Luxuscoupé in nur fünf (5!) Sekunden von 0 auf 100 km/h und - bei Bedarf - auf unglaubliche 296 km/h! Wie bitte, Sie halten sich gern in solchen Geschwindigkeitsregionen auf? Dann sehen Sie zu, einen Brooklands mit Karbon-Bremsen zu ergattern. Der fünfstellige Aufpreis für dieses Sicherheitsfeature dürfte bei einem Anschaffungspreis von rund 345.000 Euro wohl kaum mehr ins Gewicht fallen…

Conclusio

Bentley Brooklands

Was bleibt, ist der Eindruck, dass es Bentley mit diesem Auto gelungen sein dürfte, auch die anspruchsvollsten Enthusiasten zu begeistern. Alles stimmt an diesem Fahrzeug: Style, Power, Straßenlage und  Feedback - nur eines stimmt traurig. Bei gerade einmal 550 Fahrzeugen dürfte die hohe Exklusivität einer humanen Preisentwicklung gebrauchter Brooklands noch eine Weile im Wege stehen.

 

Text & Fotos:  Ulrich J. Lehmann

 

 

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20.03.2017: 

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