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Summerbreeze - ein Fahrbericht über den Bentley Azure

Bentley Motors stellte am Rande eines privaten Polo-Turniers in Mecklenburg-Vorpommern einem kleinen Kreis von Kunden und Freunden der Marke sein neues Flaggschiff, den Bentley Azure, vor. Secretary Götz v. Kayser hatte Gelegenheit, das Drophead Coupé zu fahren. Hier sein Bericht.

Der Azure wirkt in rustikaler Umgebung keineswegs deplaziert. Im Gegenteil: der trotz aller Raffinesse etwas knorrige, maskuline Charakter des Wagens, der dem typischen Bentley eigen ist, passt ihn perfekt in die ländliche Szenerie ein. Im Hintergrund: der Bentley 4 1/4 Liter Open Tourer von Clubfreund Heinz Dreps.

Ich weiß nicht, ob Ihnen die Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns bekannt ist. Wenn nicht, versuchen Sie sich folgende Szenerie vorzustellen: ein traumhafter Sommertag. Warm. Ein tiefblauer Himmel mit vereinzelten weißen Wolken. Leichte Winde. Von uralten Bäumen gesäumte endlose Alleen. Beiderseits im Wechsel Wälder, grüne Wiesen und gelbe Getreidefelder. Und dann Sie... nein? Ich, mühelos dahingleitend in einem hinreißenden Cabrio (Pardon!).

Ein Traum? Ganz sicher, aber einer, der ausnahmsweise wahr geworden ist. Bentley Motors luden zu einem herrlich entspannten Wochenende in eine der schönsten Landschaften Deutschlands ein. Und dabei bestand Gelegenheit, den neuen Azure ausgiebig zur Probe zu fahren.

Schon im Stand erweckt der neue Bentley Azure den Eindruck von Dynamik. Die Größe beeindruckt und sorgt dafür, dass auch im Fond gut Lachen ist.

Nun ist man es ja von Bentley gewohnt, dass ihre Fahrzeuge quer durch die Modellpalette beeindrucken. Dies gilt für das innere und äußere Erscheinungsbild, das Fahrverhalten, den Antrieb, you name it... Dass es ihnen dennoch immer wieder gelingt, mit jedem neuen Modell wiederum Erstaunen auszulösen, spricht für den Anspruch, den man in Crewe an sich und die eigenen Produkte nicht nur stellt, sondern ein ums andere Mal auch erfüllt.

Der neue Bentley Azure jedenfalls ist Offenfahren auf allerhöchstem Niveau. Nun werden Sie einwenden, dass das von einem Bentley im Jahre 2006 nicht unbedingt anders zu erwarten war. Schon richtig. Aber die Art und Weise der Fortbewegung in einem Azure überrascht denn doch. Die nackten Zahlen sprechen da nur eine unvollkommene Sprache: riesig, mit einer Außenlänge von 5,41 Metern, überaus kraftvoll mit 456 PS und 875 Nm, mehr als genug Platz für 4 Passagiere. Das Häubchen ist ein solches aus Stoff, die Mode gewordene zusammenklappbare Stahlvariante war in der Planung des Azure schlicht keine Option.

Der Antrieb ist ganz so, wie man es vermutet hätte: überaus druckvoll aus tiefstem Drehzahlkeller, Zurückschalten wird von der Getriebeautomatik auch bei kräftiger Beschleunigung nicht für nötig befunden. Wer wissen will, was der berühmte Gummiband-Effekt ist: er setze sich in einen Azure und drücke auf das Gaspedal. Man ist sehr schnell sehr schnell, was man meist gar nicht merkt, da einen der Wagen mit souveräner Unaufgeregtheit und Lässigkeit in höhere Geschwindigkeitsregionen befördert.

Auch geschlossen macht das Fahrzeug eine gute Figur. Die ausgewogenen Proportionen und die elegante Linienführung kaschieren die wahre Größe des Azure. Interessant auch die neue Außenfarbe "Porcelain", die exklusiv für den Azure geordert werden kann. Je nach Lichteinfall changiert sie zwischen fast Weiß, leicht silbergrau oder leicht goldfarben.
Die betörende Heckansicht dürfte relativ viele Fahrer anderer Fahrzeuge erfreuen, zumindest in unseren Breiten und wenn der Azure-Fahrer engagiert zur Sache geht. Das 6,75 Liter große Triebwerk beschleunigt den Wagen mit über 450 PS auf bis zu 270 km/h.

Was einen nun vollends verblüfft, ist die geradezu unglaubliche Verwindungssteifigkeit, die Bentley diesem großen Auto implantiert hat. Ein Unterschied zur artverwandten Limousine Arnage, die als Arnage R vergleichsweise ebenfalls zum Ausritt bereit stand, war diesbezüglich schlicht nicht feststellbar. Unerschütterlich zog der Azure auch über schlechtere Straßen seine Bahn. Dabei geriet die Abstimmung ganz so, wie ich persönlich es gerne mag: weich genug zum komfortablen Gleiten, straff genug, um die enorme Kraft des Motors auch mal auszuspielen, ohne dabei einen schlingernden Dampfer auf hoher See zu assoziieren. So war man stets zügig unterwegs, unbehelligt von jedweden Straßenunebenheiten. British Engineering at its best.

Die Geräuschkulisse ist dabei sehr wechselhaft: bei geschlossenem Verdeck erlebt man eine Isolation vom Getöse der Außenwelt, die zumindest ich so in Ermangelung eines Stahldaches nicht erwartet hätte. Der große V8 säuselt nurmehr und lediglich unter Last hört man ihn kraftvoll, aber immer dezent, arbeiten. Der Gedanke an ein Coupé drängt sich ganz unmittelbar auf.  Ganz anders im offenen Zustand. Da wird seitens des Azure überhaupt kein Zweifel daran gelassen, dass unter der Vorderhaube ein großer und sehr potenter Motor seinen Dienst versieht. Was da allerdings an Geräuschen aus der doppelflutigen Auspuffanlage strömt, trägt zum allgemeinen Rausch der Sinne nur noch mehr bei.

Gleiches gilt für die Form, die trotz der statthaften Größe des Wagens elegant wirkt. Bentley umschreibt sie daher auch mit Elegance Beyond Compare. Das Gesicht ist, abgesehen von geringen Modifikationen, vom Arnage her bekannt. Die Seitenansicht besticht wieder durch den liebgewonnenen und vom Publikum wohl auch erwarteten "Hüftschwung". Die im Vergleich zum Arnage stärker geneigte Windschutzscheibe lässt die Linien des Azure fließend erscheinen. Ein betörender Auftritt, der einen sofort für den Azure einnimmt.

Bentley pflegt wie beim Arnage auch beim Azure den Manufakturgedanken, so dass auch das neue Modell mit perfekter Handarbeit glänzt. Der Innenraum präsentiert sich als geschmackvolle Komposition traditioneller und edler Materialien. Dennoch wurde jede Vordergründigkeit vermieden, ganz so, wie man es von einem Bentley erwartet. Der Azure-Fahrer bringt daher mit der Wahl seines Automobils lediglich zum Ausdruck, dass er den allgemein hohen Anspruch an die ihn umgebenden Dinge auch an sein Fahrzeug stellt. Die Schuhe von Lobb's, die Hemden aus der Jermyn Street, die Anzüge aus der Saville Row und das Drophead Coupé ein Bentley Azure. So oder so ähnlich kann man sich die stimmige Produktpalette vorstellen. Gediegene Werthaltigkeit, nicht übertrieben distinguiert im Auftritt, aber doch a class of its own.

Die Gestaltung des Armaturenbretts ist vom Arnage her bekannt, die Sitze wurden dagegen neu entwickelt. Der Azure scheint für Anlässe, wie dieses Polo-Turnier auf Gut Pinnow, wie gemacht. Die Lackfarbe "Porcelain" tendiert ob der tiefstehenden Sonne leicht ins goldfarbene.

Bei mir stand trotz alledem nicht so sehr der Eindruck von Elegance Beyond Compare im Vordergrund. Darüber lässt sich ohnehin immer trefflich streiten. Angesichts meiner Fahreindrücke drängte sich mir eher eine andere Umschreibung auf: Eleganz in der Dynamik. Und schlagartig wurde mir klar, warum ein Poloturnier genau die richtige Atmosphäre für eine solche Präsentation schuf. Denn exakt den gleichen Eindruck hinterlässt auch dieser wunderschöne und schnelle, eben elegante und dynamische, Sport.

Aber zurück zum Azure: die Gestaltung des Armaturenbretts und die Anordnung der Schalter kennt man vom Arnage. Die Sitze mit integrierten Kopfstützen sind Neuentwicklungen und bieten neben einem allgemein sehr guten Sitzkomfort auch ausgezeichneten Seitenhalt. Der Platz auf den hinteren Sitzen ist großzügig und es verbleibt ein Kofferraum, der je nach Anzahl der Mitreisenden die Dauer des Aufenthaltes mehr oder weniger einschränkt. Für die Sommerfrische zu zweit ist er allemal groß genug. Für mich bei einer Länge über alles von 1,92  Metern weniger erfreulich ist der sehr eingeschränkte Fußraum auf der Fahrerseite, ein Manko, das ich vergleichbar auch beim Arnage feststellte. "Wohin mit dem linken Fuß?" lautete die Frage, die für mich zum running gag wurde, da ich sie nie ganz befriedigend lösen konnte.

Wer die Tristesse der Farbwahlmöglichkeiten bundesdeutscher Oberklassehersteller kennt (und bemängelt), kommt bei Bentley voll auf seine Kosten. Für den Azure bietet das Werk standardmäßig 39 Außenfarben und 21 verschiedene Ledertöne an. Dazu kommen noch diverse Optionen für den Himmel, das Verdeck und die zu verbauenden Hölzer. Das allein gibt einem eine Fülle von Individualisierungsmöglichkeiten an die Hand. Aber natürlich kann man auch auf die Farben früherer Jahre zurückgreifen oder ganz allgemein überhaupt jede Farbe ordern, die man gerne hätte. Nur in manchen Fällen würde man in Crewe darum bitten, die getroffene Wahl noch einmal zu überdenken und das nicht aus technischen Gründen...

Immer hilfsbereit, entspannt und gut gelaunt: die "Bentley-Boys", die ein Wochenende lang Rede und Antwort standen zum neuen Azure und zu den ebenfalls verfügbaren Bentley Arnage R, Continental GT und Continental Flying Spur.

Nach dem Continental GTC erweitert Bentley seine Modellpalette nun also um ein weiteres faszinierendes Drophead Coupé, das, ganz anders im Charakter als der GTC, sämtliche klassischen Bentley-Werte in perfekter Manier repräsentiert, und dabei trotzdem so ganz im Hier und Jetzt angekommen ist. Wer allerdings in der nächsten Saison einen eigenen Azure genießen möchte, muss sich sputen. Die Lieferzeit beträgt angesichts anziehender Auftragseingänge gegenwärtig neun  Monate. Aus gutem Grund.

 

Text: Götz v. Kayser

Fotos: Gudrun Muschalla (München) mit freundlicher Genehmigung von Bentley Motors

 

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18.09.2017: 

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