Die Warterei hat sich gelohnt. Der Phantom VIII oder kurz P8 hat uns eingeladen. Direkt hinter dem hauchdünnen Volant und vor dem HeadUp-Display fanden wir auf unserer Testfahrt einen sehr gut gelaunten Rolls-Royce vor. Mit mehr Leistung und einer güldenen Dame auf dem silbernen Kühlertablett.

Man könnte meinen, dass nun mit 571 PS die Post so richtig abgeht. 250 km/h locker aus der Hüfte, das HeadUp-Display weist den Weg und beim Thema Querdynamik hat der neue Phantom auch den Bogen raus, der Hinterradlenkung sei Dank. Und es stimmt auch. Wenn man den rahmengenähten Schuh aus bestem Leder in Richtung Bodenblech plus Matte drückt, schiebt der V12, jetzt mit BiTurbo, sehr deutlich spürbar nach vorn. 5,3 Sekunden steht auf dem Datenblatt und das entspricht auch unserer Messung per App im Smartphone. Der gut 2,5 Tonnen leichte Phantom neuester Bauart ist allen Gewohnheiten der Autoindustrie zum Trotz ein paar Zentimeter kürzer, was dann auch zur Folge hat, dass der Radstand um skandalöse 18 Millimeter geschrumpft ist. Ein paar Kniescheiben werden leiden müssen, aber da ist ja noch der EWB und der reisst es wieder raus. 3.772 Meter von Achse zu Achse. Das sollte reichen.

Uns hat das nur am Rande interessiert. Wir folgten dem Ruf der Gewohnheit und stiegen vorn links ein. Auch, weil wir vor Neugier zu platzen drohten. Was kann der Neue und vor allem, ist er besser als sein Vorgänger? Wir antworten an dieser Stelle des Berichtes mit einem schüchternen Ja, denn die amtliche Antwort ist ein wenig länger und sie wird diskutabel sein. Soviel dazu vorab.

Man sitzt also hinter der Haube, die im Vergleich zum Vorgänger mehr als nur einen V12 nebst notwendiger Technik enthält. Ein BiTurbo wurde hinzu gefügt. Aus 460 PS wurden 571. Das macht eine Differenz von 111 Pferdestärken. Wir erinnern uns. Der Phantom I wurde mit rund 100 PS auf die Strasse geschickt und er war sehr schnell. Was also bewirken 111 zusätzliche Stärken? Sie schieben deutlich dynamischer nach vorn, fast eine ganze Sekunde schneller als bei Nummer Sieben und das ist bemerkenswert. Viel wichtiger aber ist das Drehmoment. Der VII war mit 720 Newtonmeter bei 3.500 Umdrehungen schon sehr stark, der VIII legt 900 Nm schon bei 1.700 Umdrehungen an und das ist dann der Schub, den man in der Tasse Tee weiter hinten so richtig geniessen kann.

Nun ist der Phantom beileibe kein reines Sportgerät welches Landstrassen, gleich welcher Gattung oder gar Autobahnen im Sturm erobern soll. Das können andere sehr viel besser. Der Phantom ist das Statement im Rückspiegel anderer, welches nahezu jeden zweimal in den Spiegel schauen läßt und das man schon deshalb überholen läßt, weil der Beifahrer dann ein wenig mehr Zeit hat, die Smartphone-Kamera als Beweismittel-Produzent zu zücken.

Zwischen Motorhaube und Volant entdeckt man den wirklich grossen Unterschied zwischen VII und VIII. Es geht um das Thema Interface, Benutzerschnittstelle oder ganz altmodisch um die Verbindung zwischen Mensch und Maschine. Früher, also wirklich früher, waren da Hebel, Knöpfe, Stellräder. Aus der Maschine ragten eiserne Arme, deren Ende dann mit purer Muskelkraft bewegt wurden. Die Hydraulik verringerte dann den Aufwand und schließlich wurden Stellmotoren zum Helferlein beim täglichen Auf, Ab, Vor und Zurück. Und nun sind wir in einer Ära angekommen, die uns den steinigen aber sehr emotionalen Weg des Steuerns vollkommen abnehmen. Der Phantom VIII hört auf´s Wort, er schaut voraus und justiert ohne Kommando. Er hat den Weg in die Digitalisierung gefunden und läßt uns per Monitor an seiner Arbeit teilhaben. Rolls-Royce selbst nennt das alles ein Nervensystem. Dazu zählen Kameras, Sensoren, ein Nachtsicht-System und das führt dann zu einem Fahrzeug, das weit mehr sieht, spürt und hört, als der beste Chauffeur je wahrnehmen kann. Der P8, wir kürzen mal ab, ist also ein Traditionalist, dessen Smoking mit allerlei Raffinessen gefüllt sind. Da wären:

ein Aufmerksamkeits-Assistent
ein Vier-Kamera-System mit Panoramaperspektive
ein Rundumblick mit Vogelperspektive
Night VisionärenHeadUp-Display
Auffahrwarnung
Personenwarnung
Spurverlassenswarnung
Spurwechselwarnung
WLAN mit Hotspot

plus Holz, Leder, Alu, höchstfloriger Teppich und das Thema Gallery müssen wir auch noch beschreiben, denn egal, was man in anderen sehr exklusiven Autos auch finden mag, eine kleine aber sehr eindrucksvolle Installation hat der neue Phantom in petto. Der Name: „The Gallery“ und dahinter verbirgt sich eine edle Ansichtskarte im Blickfeld des Co-Piloten, der Co-Pilotin. Direkt über der Abschussrampe des Airbag kann man sich eine rechteckige Ausstellungsfläche mit einem Kunstwerk eigener Wahl hinter eine Glasscheibe einbauen lassen. Oder man läßt sein eigenes Kunstverständnis für sich arbeiten. Die Leute bei Rolls-Royce sind da ganz offen und über feine Ideen auch recht happy.

Und jetzt noch das Dessert. Wie fährt sich denn der Phantom VIII? In der Stadt ist man, wie gewohnt, eine Augenweide. Besonders unser Testwagen hat es den Menschen um den Marienplatz angetan. Daumen hoch und ein fröhliches „Grüß Gott“. Auf der Landstrasse hatten wir unsere Freude mit den beiden Turboladern in Kombination mit der Allradlenkung. Der Viertürer rollt nicht nur á la Waftability über den Asphalt. Er freut sich so richtig, wenn man ihn aus dem Stand bis Tempo 100 km/h nach vorn laufen läßt und dann in den Kurven der unterschiedlichsten Ausprägung auch mal ins Arbeiten bringt, genauer, wir haben den Briten mal mit reichlich Schwung auf seine querdynamischen Talente überprüft. Er ist talentiert, aber er hat dann doch ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen. Er hält sich besser als sein Vorgänger, aber er ist kein Aspirant für die Rennstrecke. Und dann ist da noch die Autobahn, von München zum nächsten See. 250 km/h, keine Sache. Der kann das sehr locker. Man sagt, er habe 130 Kilo mehr Dämmmaterial als sein Vorgänger. Das kann stimmen. Er ist leise, er ist super ruhig, er schwebt dahin. Aber was helfen die besten Reifen, die dicksten Scheiben, wenn die Strasse den Eindruck mit der Gewalt des schlechtesten Belages gegen jeden Quadratzentimeter des Wagens anstürmt. Man kann sich dann beruhigen, in dem man sich vorstellt, wie dieser Lärm einem durchschnittlichen Auto zusetzen kann.

Ein Fazit ziehen wir auch noch. Der Phantom VIII ist ein Phantom. Vom Scheitel bis zur Sohle. Die Ästhetik passt überzeugend in die Ahnengalerie. Das Fahrgefühl ist überzeugend british, also ein wenig stur, ein wenig eigenwillig, ein wenig klassisch und ein wenig mehr sehr modern. Dass da unter der Haube nun zwei Turbolader dem V12 unter die Arme greifen, sollte man nicht als Entwicklungshilfe begreifen. Der P8 kann die Leistungssteigerung sehr gut gebrauchen und sie steht ihm gut zu Gesicht.

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Foto: Rolls-Royce Motorcars

Die technischen Daten (laut Hersteller):
Motor: V12 BiTurbo
Hubraum: 6.749 ccm
Leistung: 420 kW / 571 PS bei 5.000 U/min
Drehmoment: 900 Nm bei 1.700 U/min
Antrieb: Hinterräder
Getriebe: 8-Stufen-Automatik von ZF

Maße:
Länge (EWB): 5.762 mm (5.990 mm)
Breite mit Spiegel: 2.018 mm
Höhe (EWB): 1.646 mm (1656 mm)
Leergewicht (EWB): 2.560 mm (2.610 mm)
Radstand (EWB): 3.552 mm (3.772 mm)

Fahrleistungen:
Top Speed: 250 km/h abgeregelt
0-100 km/h (EWB): 5,3 s (5,4 s)

Verbrauch:
kombiniert: 13.9 l/100 km
CO2 (EWB): 318 g/km (319 g/km)

Preis in Deutschland (EWB) ab: 446.250,00 Euro (535.500,00 Euro)

Fotos: Rolls-Royce Motorcars