Bentley Mulsanne – Generation 2011. Man drückt, dreht und zieht. Der neue Mulsanne ist eine Fernbedienung für den Mensch. Wellness auf Knopfdruck, Wohlfühlen per Schalter, Abheben per Fussdruck.

Das RREC-Magazin hat sich im grossen Briten durch Norddeutschland bewegen lassen.

Da steht er. Lang, breit und still. Eine Runde um den Briten kostet mindestens 15 Meter Fußweg oder rund 15 Sekunden Zeit, normale Schrittgeschwindigkeit vorausgesetzt. So weit kommt es allerdings nicht. Der Mulsanne hält auf, zwingt zur Pause zwischen den Schritten. Wer vor der Fahrertür startet, bleibt gleich an der B-Säule hängen, die breiter und glänzender kaum sein könnte. Ein Spiegel für den Chauffeur oder Fahrer vor dem Einstieg, die Krawatte sitzt. Schließt man die Augen und lässt die linke Hand entlang der Schulterlinie wandern, geht es kurz vor dem Ende der hinteren Tür leicht bergauf, ein leichter aber deutlich spürbarer Schwung beschreibt die Position der Radhäuser und wer die Familie der Bentley-Limousinen kennt, wird sich erinnern, dass diese Stelle zu den markantesten zählt. Die Hand nimmt wieder Fahrt auf, erreicht nach kurzer Talfahrt die Rückleuchten, vorher wurde der eingelassene Tankdeckel bemerkt und wer über durchschnittlich sensible Finger verfügt, wird die deutlich oder fast scharfe Kante bemerken, die dem Heck eine erste individuelle Handschrift verpasst. Kurz vor dem Ende der ersten Etappe stoppt eine Chromleiste die haptische Unternehmung und die fünf Finger bedauern das kurze aber schöne Erlebnis einer Berührung mit dem sonst so kühlen und trotzdem weichen Po, der zumindest an dieser Seite runder nicht sein könnte. Die Finger laufen über die Abdeckung der Heckleuchten hinunter zu einem den beiden Endrohre, die ungewohnt breit und schlank den Abschluss der ersten fünfeinhalb Meter Reise bilden.

Augen auf, Abstand ist angesagt. Das Heck mit seinem zentralen Aufbau zeigt deutliche Ähnlichkeiten mit Modellen der Nachkriegsära. Trotz der wuchtigen Heckklappe laufen deutlich sichtbar feine Linien von rechts nach links, die Chromleiste unter dem Kennzeichen bildet Abschuss und Start zugleich. Von der obersten Abrisskante bis zu den weit aussen platzierten Endrohre zählt man sechs Linien, der stille Bentley hat Format und einen spannenden Hintern. Auf dem Weg zum Gesicht des Mulsanne werden mehr als 5,557 Meter zurück gelegt, 6,557 um genau zu sein. Ein Meter Abstand tut Not, für die Aufnahme zwischen der Apfelpflanzung im Alten Land bei Hamburg sind dann lieber vier Meter angesagt. Bei einer derart breiten Nase will das Objektiv keinen Zentimeter verlieren. Auch die Spitze des britischen Aluminium-Stahlberges ist von Linien und Rundungen stark gezeichnet. Man denkt spontan an reichlich Lebenserfahrung, an Tradition, an Kraft und Durchsetzungsvermögen zugleich. Der Stoßfänger mit dem Kennzeichen mag ein wenig zu dick aufgetragen sein, die vier Augen mit den kleinen runden Leuchten sind modisch und technisch der letzte Schrei, können aber dem Freund der Geschichte ein wenig zu sehr hypermodern sein. Vor allem wenn man bedenkt, dass der Mulsanne ein automobiles Ereignis sein soll. Ein weiteres Kapitel in der Galerie, mit den gleichen Ohren, derselben Nase und dem erstaunlich ähnlichen Mund wie seine Vorfahren. Ein Bentley wie er im Buche steht.

Der Rundgang endet an der Fahrertür, die ersten Reflexe sind verdaut. Tradition und Moderne in einem Automobil vereint legen immer gerne interne Schalter um. Man wägt ab, erinnert sich, sortiert Erwartungen und zieht Schlüsse. Was nun kommt, ist eine andere Geschichte.

Der Zeigefinger der rechten Hand weckt acht Zylinder, sorgt für Bewegung auf Armaturen, kitzelt das Mittelohr. Ein kleiner Druck nach unten und der Bentley lebt, vorn unter der Motorhaube warten 512 Pferdestärken auf das nächste Kommando, der rechte Fuß übt Druck auf das Gaspedal aus und weiter vorn werden die nächsten Reflexe geweckt. Bewegung, Dynamik, Sport, Kraft und so weiter. Der “alte” Bentley-V8 macht mächtig Dampf, flüstert zunächst, wird lauter und schreit aus voller Kehle, wenn man ihn nur lässt. Wäre da nicht derart viel Ablenkung, man würde gerne jeden Zentimeter Holz streicheln, Leder erfühlen und dann diesen enorm großen Hebel, der problemlos als Zepter seine Dienste verrichten könnte, nach hinten ziehen bis das “D” nebenan aufleuchtet, die Handbremse lösen und den Briten in seinem Drang nach Bewegung freien Lauf lassen.

1020 Newtonmeter Drehmoment sind ein Pfund, derart wuchtig, souverän, auffallend und rundum beeindruckend. Bis Tempo 296 reicht die Kraft, aus dem Stand vergehen gerade mal 5,1 Sekunden bis der Wagen Tempo 100 erreicht. Das alles ist typisch für Bentley und trotzdem aussergewöhnlich, weil der Mulsanne eben nicht nur seine Reize an sportlich-dynamische Menschen weiter gibt, sondern auch als Benchmark für luxuriöse Transportation gelten kann. Sprich: “Der Musanne kann mehr als nur schnell, er kann auch präzise!” Bei mehr als zwei Tonnen Masse muss die Frage nach Fahrdynamik, Kurvenverhalten und den obligatorischen elektronischen Fangleinen gestellt und beantwortet werden. Der Mulsanne trägt den Namen einer Geraden, was einerseits Spekulationen zu seinem Kurvenverhalten provozieren kann, andererseits findet man die Mulsanne auf der Rennstrecke in Le Mans, was als eindeutiger Hinweis auf Höchstleistungen im Motorsport gewertet werden muss. Genau diese Erwartungen erfüllt das neue Flaggschiff aus Crewe. Der Mulsanne schafft schnelle Sprints, kurze Lastwechsel und schnelle Kurven ohne Mühe, wobei die zu bewegende Last selbst bei sehr hohem Tempo sehr souverän die Spur hält. Allzu hurtige Fahrmanöver auf Serpentinenstrecken verbietet der Respekt vor der Länge des Wagens, die Passagiere im Fond werden dankbar sein. Als Fluchtwagen ist der Mulsanne nur bedingt einsetzbar, die Reichweite bei einem möglichen Verbrauch von mehr als 20 Liter ist zu gering, zudem fällt der Wagen auf. Eine Fahndung wäre von schnellem Erfolg gekrönt.

Einige Stichworte: Luftfederung, Massage, Sitzheizung, 14-Lautsprecher, 2200 Watt. Einzeln betrachtet, wird eine Luftfederung kaum als Besonderheit in einem Auto dieser Preisklasse zu werten sein. Sitze mit Massagefunktion sind auch kein Zeichen einer revolutionären Idee, 14 Lautsprecher an Bord sind sogar in Mittelklassewagen durchaus denkbar. Aber der Clou ist die Zusammenarbeit. Hinten rechts nimmt man Platz, die Mittellehne wird nach unten geklappt und nun zieht man alle Register. Die Sound-Anlage spendet Konzert-Atmosphäre, die Sitzheizung betört die oberen Hautschichten, die Massagefunktion knetet ohne Konditionsprobleme und die Luftfederung lässt Schlaglöcher und Unebenheiten in der Fahrbahn völlig kalt. Jetzt die Augen schliessen und der Bentley ist ein Wellness-Kultur-Transpaort-Reise-Paradies. Mehr Reflexe können kaum gleichzeitig ausgelöst werden, vielleicht fehlen hinten noch Bildschirme, aber dafür hat ein Herr Jobs aus Kalifornien ja schon eine kleine rechteckige Lösung gefunden. Zudem werden Sonderwünsche, gleich welcher Art, auf Mulliner-Art verwirklicht.

Text: Ralf Bernert
Fotos: Ralf Bernert / Bentley Motors (Interieur)